Bis ich dich finde
anspruchsvoll und erforderte
selbständiges Denken, und Jacks Fertigkeit, gespeichertes Wissen wiederzukäuen,
stieß bald an ihre Grenzen. Das ständige Wiederholen half ihm beim Ringen und
auf der Bühne, aber Noah war es, der dafür sorgte, daß er in Exeter bleiben
durfte.
Jack lohnte es ihm, indem er mit Noahs älterer Schwester schlief,
die zu jener Zeit in Radcliffe aufs College ging. Jack hatte Leah Rosen bei
einem der Thanksgiving-Feste kennengelernt, die er bei Noahs Familie in
Cambridge verbracht hatte. Leah war vier Jahre älter als Noah und Jack; als sie
in Redding waren, war sie in Andover, und sie wechselte nach Radcliffe, als die
beiden Jungen nach Exeter wechselten. Sie war nicht sonderlich hübsch, [398] aber
sie hatte wunderschönes Haar und einen Busen wie ein Fotomodell – und Jack fand
sie auf eine Weise attraktiv, die ihm langsam bekannt vorkam: Sie war eine
ältere Frau.
Noah war sein bester Freund. Er war kein Sportler, und trotzdem
stand er Jack näher als seine Freunde in der Ringermannschaft. Als Leah sich
für ein Semester von Radcliffe beurlauben ließ – nicht nur, um eine Abtreibung
vornehmen zu lassen, sondern auch, um deshalb mit ihrem Gewissen zu ringen –,
wußte Noah nicht, daß Jack der Vater war.
Als er aufgehört hatte, mit Leah zu schlafen, und eine Affäre mit
einer Frau hatte, die als Tellerwäscherin in der Schulküche arbeitete – Mrs.
Stackpole war eine kleine, stämmige Frau mit diversen, glücklicherweise
verblaßten Tätowierungen –, erzählte Noah ihm, Leah habe Depressionen und sei
in psychiatrischer Behandlung. Auch da sagte Jack nichts.
Im Gegensatz zu Redding, wo jedem Schüler eine Aufgabe zugewiesen
wurde, mußten in Exeter nur die Stipendiaten körperlich arbeiten. Noah war
Stipendiat. Einmal, als er krank war, übernahm Jack seinen Job: Er sammelte im
Eßsaal das gebrauchte Geschirr ein und brachte es in die Spülküche. So lernte
er Mrs. Stackpole kennen.
Er besuchte sie in den großen Vormittagspausen in ihrem kleinen,
heruntergekommenen Haus unweit des Gaswerks. Er kam und ging in großer Eile,
denn Mr. Stackpole arbeitete im Gaswerk und aß sein Mittagessen zu Hause. Das
Essen – stets Reste vom Vorabend – stand im Ofen, während Mrs. Stackpole ein
Handtuch auf das Wohnzimmersofa legte und die beiden sich in einen
zweikampfartigen Liebesakt stürzten, der an die Initiation des Jungen durch
Mrs. Machado erinnerte. Das schwere Atmen der Tellerwäscherin wurde von einem
Pfeifen begleitet, das Jack zunächst für eine Lautäußerung des geheimnisvollen
Mittagessens ihres Mannes hielt: Stand es vielleicht kurz vor der Explosion? In
Wirklichkeit stammte das Geräusch von [399] Mrs. Stackpoles verschobener
Nasenscheidewand – ihr Mann hatte ihr einmal das Nasenbein gebrochen.
(Möglicherweise wegen einer unwillkommenen Begegnung zur Mittagszeit. Mrs.
Stackpole äußerte sich nicht dazu.)
Er konnte sich nicht vorstellen, daß sie jemals attraktiv gewesen
war, ebensowenig wie er hätte sagen können, daß dies (zum Teil jedenfalls) der
Grund war, warum er sich zu ihr hingezogen fühlte: ihr trübseliges,
ausdrucksloses Gesicht, die mürrisch hängenden Mundwinkel, ihre fettige Haut,
die schlechten Tätowierungen und die Wülste um ihre Taille, die sie als
»Haltegriffe« bezeichnete. Doch bestimmte Stellungen, die Mrs. Adkins nur
seufzend oder mit offensichtlichem Widerwillen erduldete, erfüllten die
Tellerwäscherin mit Leidenschaft, und sie hatte eine Vorliebe dafür, auf Jack
zu sitzen und ihn zu reiten, während sie auf ihn hinabsah.
»Für einen Jungen siehst du einfach zu gut aus«, sagte sie einmal
während eines solchen Ritts zu ihm.
Das Mittagessen ihres Mannes verströmte einen Geruch nach
Blumenkohl, Kümmel und Räucherwurst – vielleicht war es Kielbasa. Jedenfalls zu
stark, um sich von der Ofentür einsperren zu lassen. Schwer wie Mrs. Stackpole,
dachte Jack.
»Ich frage mich«, sagte er im letzten Jahr in Exeter zu Noah, »ob
ältere Frauen es halbwüchsigen Jungen ansehen, daß die sich zu ihnen hingezogen
fühlen – auch wenn sich sonst niemand zu ihnen hingezogen fühlt.«
»Und wieso fragst du dich das?« wollte Noah wissen.
Jack erzählte ihm beinahe alles. Er erzählte ihm auch von Mrs.
Machado, doch irgendwie – vielleicht von seiner Mutter – hatte er gelernt, in
Hinblick auf die Wahrheit selektiv zu sein. Er erzählte Noah nicht, daß er mit dessen Schwester geschlafen hatte, und er
sagte auch nichts von Mrs.
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