Bis ich dich finde
es nicht«, sagte Emma.
Jack dachte, sie meine Die Schundleserin, die er, wie er glaubte, ganz gut verstanden hatte. »Doch, ich verstehe schon,
Emma«, sagte er. »Es ist vielleicht anders als die Bücher, die ich sonst lese –
ich meine, es ist kein konventioneller Roman mit ausgefeilter Handlung und
komplexem Personal. Es ist vielleicht ein bißchen zu zeitgenössisch für meinen
Geschmack, mehr eine [514] psychologische Studie als eine klassische Erzählung,
die psychologische Studie einer Beziehung, und zwar einer gestörten Beziehung.
Aber es hat mir gefallen, wirklich. Ich finde, der Erzählton ist sehr
konsistent – eine Art ironischer Untertreibung, würde man wohl sagen. Selbst
bei den gefühlsbetontesten Szenen bleibt die Stimme der Erzählerin ganz
nüchtern – das fand ich besonders gut. Und die Beziehung, so unvollkommen sie
auch sein mag, ist besser als keine Beziehung. Das habe ich verstanden. Sie
haben keinen Sex, sie können keinen Sex haben, aber
das ist – aus unterschiedlichen Gründen – für beide beinahe eine
Erleichterung.«
»Ach, halt doch endlich dein Maul!« rief Emma, noch immer weinend.
»Was habe ich nicht verstanden?« fragte er.
»Es ist nicht das Buch, das du nicht verstehst! Du verstehst mich nicht!« rief sie. » Ich bin
zu eng, Jack«, sagte sie leise. »Selbst nicht sehr große Schwengel tun mir
weh.«
Jack war vollkommen verblüfft. Emma war so groß, so stark, und sie
kämpfte ständig mit ihrem Gewicht. Sie war viel größer und schwerer als Jack.
Wie konnte sie zu eng sein? »Warst du mal bei einem Arzt?« fragte er.
»Bei einem Gynäkologen? Ja, bei mehreren. Die sagen, ich bin nicht zu eng. Angeblich passiert das alles nur in meinem
Kopf.«
»Die Schmerzen sind in deinem Kopf?«
»Nein, da sind sie nicht«, sagte sie.
Emmas Leiden hatte einen unangenehm klingenden Namen: Vaginismus.
Emma erklärte, es handle sich dabei um eine konditionierte Reaktion; bei einer
Stimulation dieses Körperbereichs komme es oft zu einer Verkrampfung der
Vaginalmuskulatur. Bei manchen Frauen reiche schon die Erwartung, etwas könne
in ihre Vagina eindringen, aus, um eine Verkrampfung auszulösen.
»Dann willst du also, daß nichts in dich
eindringt?«
»Es ist nicht etwas, das ich will. Es ist
unwillkürlich, Zuckerbär. Ich kann nichts dagegen machen – es ist chronisch.«
[515] »Es gibt keine
Behandlungsmöglichkeit?«
Emma lachte. In dem Versuch, die Muskeln dahingehend zu
konditionieren, daß sie sich entspannten, anstatt sich zu verkrampfen, hatte
sie es mit Hypnose versucht, doch selbst der Psychiater, der diese Behandlung
anbot, hatte sie gewarnt, daß nur ein kleiner Prozentsatz von Frauen darauf
anspreche. Emma gehörte nicht zu ihnen.
Auf Anraten eines Gynäkologen in Toronto hatte sie es mit
systematischer Desensibilisierung probiert – mit der Wattestäbchenmethode, wie
ihr hiesiger Gynäkologe es abfällig nannte. Man begann mit einem Wattestäbchen,
und wenn das funktionierte, führte man ein etwas größeres Objekt –.
»Hör auf!« rief Jack. Er wollte nicht alle Behandlungsmethoden, mit
denen sie es versucht hatte, aufgezählt bekommen. »Hat denn irgendwas
funktioniert?« fragte er Emma.
Das einzige, was funktionierte (und das auch nicht immer), war die
absolute Kooperation des Partners. »Ich muß oben sein, Zuckerbär, und der Typ
darf sich nicht bewegen. Wenn er auch nur eine einzige Bewegung macht, kriege
ich sofort einen Krampf.« Emma mußte die absolute Kontrolle haben. Wenn jemand
sich bewegte, dann war sie es – nur so funktionierte
es. Daß ein so passiver Partner schwer zu finden war, verstand sich von selbst.
Vieles ging Jack durch den Kopf, und das meiste waren Dinge, die er
nicht sagen konnte. Daß Emmas Vorliebe für Bodybuilder nicht gerade hilfreich
war. Daß ihr langjähriges Interesse für Jungen, die viel jünger waren als sie
selbst, jetzt endlich einen Sinn ergab. Und ihm fiel ein, wie unerschütterlich
Emmas Entschluß war, keine Kinder zu haben. Zweifellos war Vaginismus ein guter
Grund – ein besserer jedenfalls als die Befürchtung, sie könnte eine schlechte
Mutter sein, eine wie ihre eigene.
Es wäre taktlos gewesen, sie zu fragen, ob sie sich nach einer [516] chirurgischen Lösung des Problems erkundigt habe. In Arztpraxen fühlte Emma
sich unwohl, sie hatte Angst vor allem, was mit Medizin zu tun hatte, besonders
aber vor Operationen. Außerdem klang das alles nicht so, als gebe es eine
chirurgische Lösung –
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