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Bis ich dich finde

Bis ich dich finde

Titel: Bis ich dich finde Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John Irving
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nicht wenn das Problem nur in ihrem Kopf war.
    Jack brachte es nicht übers Herz, Emma zu empfehlen, sie solle Die Schundleserin noch einmal überarbeiten. Er fand zwar,
der Vaginismus eigne sich für die Entwicklung der Handlung besser als diese
Sache mit den kleinen und großen Schwengeln, ganz zu schweigen davon, wie
unwahrscheinlich es war, daß die Hauptfigur Michele Maher eine zu enge Vagina
hatte. Doch er begriff, daß Emmas erdachte Geschichte irgendwie reiner war; es
war eine Geschichte, in der die Hauptperson ihr Problem akzeptierte. Und es war
eine Geschichte, mit der Emma sich ihrem eigenen Problem so weit näherte, wie
sie es vermochte. Ein Leben, in dem sie immer oben sein mußte, ein Leben auf
der Suche nach dem reglosen Partner. Es erschien ihm zu grausam. Oder würde
diese Methode ihre Vaginalmuskeln schließlich so konditionieren, daß sie sich
entspannten?
    »Was ist die Ursache für Vaginismus?« fragte Jack, aber Emma hatte
ihn entweder nicht gehört oder war abgelenkt. Vielleicht wußte sie ebensowenig
wie er, welche Ursache Vaginismus hatte. Vielleicht gab es gar keine Ursache.
Vielleicht wollte sie auch einfach nicht mehr darüber sprechen.
    Sie zogen sich aus und gingen zu Bett. Emma hielt seinen Penis, und
dieser wurde hart – ungewöhnlich hart, wie ihm schien –, doch Emma sagte nur:
»Du hast eigentlich keinen wirklich kleinen Schwanz, Jack. Ich würde sagen, er
ist eher klein. An deiner Stelle würde ich mir
darüber keine Gedanken machen, Süßer.«
    Emma hatte nicht direkt gesagt, sie habe schon kleinere Penisse
gesehen – er hatte sie lediglich sagen hören, ihr seien schon größere
untergekommen –, doch so genau wollte er es gar nicht [517]  wissen. Er war damit
zufrieden, daß sie seinen Penis hielt. Die Art, wie sie das tat, gefiel ihm
sehr.
    »Wir sollten unsere Wohnsituation verändern«, sagte Emma schläfrig.
    »Vielleicht sind Wohngenossen nicht die besten Erstleser«, sagte
Jack vorsichtig und strich über ihre Brüste.
    »Ich meine nicht, daß wir nicht mehr zusammenleben sollen, Jack. Ich
meine, daß mir Venice zum Hals heraushängt.«
    Das fand Jack schade, doch er sagte nichts. Venice würde ihm fehlen,
sogar das Eau de mullcontainaire, das vom Hama Sushi
herüberwehte. Das World Gym war ihm ans Herz gewachsen, und trotz der
schlechten Erfahrungen, die Emma dort gemacht hatte, ging er gelegentlich ins
Gold’s, obgleich er kein Bodybuilder war. In beiden Studios suchte er, wenn er
mit Hanteln trainieren wollte, die Ecke des Kraftraums auf, wo die Geräte für
die Damen waren.
    »Du wirst mal ein starker junger Mann sein, Jack – nicht groß, aber
stark«, hatte Leslie Oastler zu ihm gesagt.
    »Meinen Sie?« hatte er gefragt.
    »Das weiß ich«, hatte Mrs. Oastler
gesagt. »Das sehe ich.«
    Daran dachte Jack, als sein eher kleiner
Penis in Emmas großer, kräftiger Hand lag. Jack hatte, wie seine Mutter, kleine
Hände. Er lag da und dachte, wie merkwürdig es war, daß er monatelang nicht an
seine Mutter gedacht hatte. Vielleicht dachte er nicht gern an sie, weil er
glaubte, er erinnere sie mehr und mehr an seinen Vater, und während es nicht
die äußerliche Ähnlichkeit war, die Jack Sorgen
machte, fand Alice gewiß jede Ähnlichkeit mit William
besorgniserregend. Jack hatte einfach zunehmend den Eindruck, daß seine Mutter
ihn nicht mochte.
    Er fragte sich auch, wohin Emma und er ziehen würden. Einmal hatte
er ihr von den Palisades erzählt. Es war wie ein Dorf, man konnte alles zu Fuß
erreichen. Aber Emma hatte gesagt, es wimmele dort nur so von Kindern. In ihren
Augen war es ein [518]  Ort, »wo bis dahin ganz normale Leute hingehen, wenn sie
sich fortpflanzen wollen«. Er nahm an, daß sie nicht dorthin ziehen würden.
    Beverly Hills war eindeutig zu teuer für sie und lag außerdem zu
weit vom Strand entfernt. Emma sagte, sie wolle jeden Tag das Meer sehen – auch
wenn sie nie an den Strand ging. Malibu vielleicht, dachte Jack, oder Santa
Monica. Aber angesichts von Emmas Eröffnung, Sex bereite ihr Schmerzen –
womöglich jedesmal –, wäre es gefühllos gewesen, ein Gespräch darüber anzufangen,
wo sie demnächst wohnen würden. Spar es dir für ein andermal auf, dachte er.
    »Sag es auf lateinisch«, bat er Emma.
    Sie wußte, was er meinte: das Motto, das sie ihrem Buch
vorangestellt hatte. Sie war in der Wohnung herumgelaufen und hatte es ständig
wiederholt, als wäre es eine Litanei, doch erst jetzt begriff Jack, daß sie
damit sie beide

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