Bis ich dich finde
sagte Myra zu dem Jungen. »Du
willst ihren Speck, aber du hast nichts, was sie will. So kann man kein
Geschäft machen.«
Im Filmgeschäft, merkte Jack, war jede Begegnung ein Casting. Man
brauchte nicht mal zu wissen, für welche Rolle man vorsprach; man suchte sich
einfach etwas aus und spielte es, irgend etwas. Jack sah das kleine Mädchen an,
die Besitzerin des Specks. Sie war neun oder zehn. Auf ihrem Teller lagen drei
Streifen Speck. Im Augenblick war sie sein Einmannpublikum, aber seinen Text
sprach Jack für Myra, und Myra wußte es.
In Blade Runner spielt Rutger Hauer den
blonden Androiden, den letzten, der sterben muß. Harrison Fords Leben liegt in
seinen Händen, aber Rutger stirbt, und er will nicht allein sterben – er will
mit jemandem sprechen. »Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals
glauben würdet«, sagt Rutger Hauer. Das war die Szene, die Jack vorschwebte.
Und das war der Ton, den Jack anschlug, als er sich an das kleine
Mädchen wandte. »Ich habe einen jüngeren Bruder«, begann Jack-als-Rutger-Hauer.
»Er wollte immer alles mögliche von mir haben – auch meinen Speck, wie dein
Bruder hier. Vielleicht hätte ich ihm etwas von meinem Speck abgeben sollen.«
»Warum?« fragte das Mädchen.
»Ich hatte einen Motorradunfall«, sagte Jack. Als er die Hand auf
seine Seite legte, verzog er das Gesicht und holte zischend Luft, so daß der
Junge vor Schreck eine Bananenscheibe zerdrückte. »Der Lenker hat mich hier
erwischt und glatt durchbohrt.«
[524] »Nicht beim Essen«, sagte Myra Ascheim, aber die Kinder und
Jack-als-Rutger-Hauer beachteten sie nicht.
»Ich dachte, das wird schon wieder – ich hab bloß eine Niere
verloren«, sagte Jack. »Davon hat jeder Mensch zwei«, erklärte er dem kleinen
Jungen, »und eine braucht man mindestens.«
»Und was ist jetzt mit der, die Sie noch haben?« fragte das Mädchen.
Jack zuckte die Schultern und verzog abermals das Gesicht. Seitdem
ihn der Motorradlenker durchbohrt hatte, tat offenbar auch ein Schulterzucken
weh. (Er dachte an die Art, wie Rutger Hauer sagt: »All diese Augenblicke
werden in der Zeit verschwinden wie Tränen im Regen.«) Jack sagte: »Die eine
Niere, die ich noch habe, ist dabei zu versagen.«
»›Zeit zu sterben‹«, sagte Myra mit einem Schulterzucken. (Das sind
in Blade Runner Rutger Hauers letzte Worte. Myra
kannte den Film offenbar ebenfalls.)
»Ich könnte natürlich meinen Bruder bitten, mir eine seiner Nieren
zu spenden«, fuhr Jack fort. »Es müßte die Niere meines Bruders oder meiner
Schwester sein – und eine Schwester habe ich nicht.«
»Dann fragen Sie doch Ihren Bruder!« rief das Mädchen.
»Ja, das sollte ich wohl tun«, gab Jack ihr recht. »Aber da gibt es
ein Problem: Ich hab ihm nie was von meinem Speck abgegeben, nicht mal einen
einzigen Streifen.«
»Was ist eine Niere?« fragte der Junge.
Seine Schwester legte sorgsam einen Streifen Speck neben die
Schüssel mit dem bananenlosen Müsli. »Hier, kannst du haben«, sagte sie. »Du
brauchst keine Niere.«
»Wenn ich das Gefühl habe, daß es demnächst ein größeres Angebot von
Rutger-Hauer-Rollen geben wird, sage ich Ihnen Bescheid, Jack«, erklärte Myra
Ascheim, aber Jack spürte, daß er einen Treffer gelandet hatte.
Das Mädchen saß da und sah seinem Bruder zu, während der [525] den
Speck aß. Jack merkte, daß es noch immer über den Unfall nachdachte. »Kann ich
die Narbe mal sehen?« fragte es.
»Nicht beim Essen«, sagte Myra noch einmal.
Jack hatte sich ganz auf sein Einmannpublikum konzentriert und nicht
bemerkt, daß der Mann mit der Zeitung gegangen war. Selbst bei einer guten
Vorstellung gibt es immer einen, der hinausgeht. Doch nach dem Frühstück
äußerte sich Myra kritisch über Jacks Probe seines Könnens. »Sie haben den Mann
mit der Zeitung aussteigen lassen. Der hat Ihnen das mit dem Motorradlenker
nicht abgekauft, nicht eine Sekunde lang.«
»Das Mädchen war mein Publikum«, sagte Jack. »Das Mädchen und Sie.«
»Das Mädchen war leicht«, sagte Myra. »Und ich bin bei der Sache mit
dem Lenker auch halb ausgestiegen.«
»Aha.«
»Gewöhnen Sie sich dieses ›Aha‹ lieber ab, Jack. Es ist eine völlig
sinnlose Äußerung.«
Jack wurde bewußt, daß er keine genaue Vorstellung davon hatte, was
eine Firma für Talentmanagement eigentlich tat und inwiefern sich Myras
Tätigkeit von der irgendeines anderen Agenten unterschied. »Aber ich brauche
doch einen Agenten, oder?« fragte er
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