Bismarck 04
40–70% der Verwundeten seien durch Artillerie verletzt, so bezieht sich dies natürlich nur auf Schwerverwundete, bei denen chirurgischer Eingriff nötig! Das wildeste Trommelfeuer erzielte sonst keine entsprechende materielle Verlustwirkung. Selbst bei normaler Wertung hätten eine Million schwerer Geschosse in der Champagneherbstschlacht von 1915 allein etwa 25 000 Mann tot niederstrecken müssen, der deutsche Gesamtverlust erreichte aber diese Totenziffer nicht mal inkl. des Infanteriefeuers. –
Der Zweck des deutschen Angriffs war angeblich erreicht, fortan ruhten lange die Waffen, während hier und da zwischen Aisne und Marne oder bei Reims (18. Juni) und der Somme (4. Juli) örtliche Teilgefechte aufflackerten. Boehns Front wurde verstärkt, indem zwei neue Korps Watter und Etzel der 9. A. zwischen Aisne und Ourcq einrückten.
III.
Im Mai war die ganze Front stillgelegt, die Erschöpfung gegenseitig, doch Lud. hatte kein Recht zum Pausieren, wo es galt, des Feindes Verlegenheit zu benutzen. Denn taktisch schien trotzdem die Lage zufriedenstellend. Von den schon am 27. März zu Hutier nachrückenden 8 Res. Div. war nur die Hälfte gebraucht, außerdem 109. erwartet. Bei 2. A. waren noch ziemlich 3 Div. bei 17. A. noch 200., 204., 184. verfügbar, später 26. in Reserve zurückgetreten. Im Ganzen Mitte April noch 12 als »Angriffsdiv.« zu verwerten.
Die Behauptung, daß Belows Angriff »sich gegen eine schwache Stelle der feindlichen Front richtete« (Förster), wird durch die Erfahrung widerlegt, daher Ludendorffs Belehrung zweischneidig: eine Strategie, die nicht an den taktischen Erfolg denkt, »ist von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt«. Sehr wahr, so hat noch nie ein wahrer Stratege gedacht, die größten strategischen Denker waren stets zugleich die grimmigsten Taktiker, denn ihr Streben suchte ja stets die Vernichtungsschlacht. Eine solche aber gibt es nicht ohne strategische Standpunkte, sonst wird es »une bataille ordinaire« (Napoleon). Was wir strategische Taktik nennen, gebietet jede Operation nur nach ihren strategischen Folgen zu bemessen und Moltkes Wort zu verwerfen: »Ein taktischer Erfolg wird dem Feldherrn immer willkommen sein«. Durchaus nicht immer, wenn er die strategischen Absichten stört. Ludendorffs Direktive vom 20. März ist aber gerade taktisch tadelnswert, da ihre einzige strategische Absicht, nämlich bei Amiens durchzubrechen, durch anfängliche Schwäche der 2. und übermäßige Stärke der 17. A. und deren frontalen Einsatz keineswegs gefördert wurde. Es steht urkundlich fest, daß einzig des Kronprinzen Befehle für 18., 7. A. den großen taktischen Erfolg zu einem strategischen gestalteten. Die Stellungnahme Ludendorffs zu diesem Vorschlag ist aus den Akten nicht erkennbar (Förster), d. h. er griff ihn erst auf, nachdem der Erfolg dem Kronprinzen Recht gab. Die Weiterspinnung des operativen Gedankens, nach Süden auszufallen und so alle Reserven Fochs auf sich zu ziehen, machte er sich nicht zu eigen, wenigstens nicht in der unbeschränkten Form des Kronprinzen. Mit dem späteren völligen Stillegen Hutiers erklärte dieser sich offenbar nicht einverstanden und veranlaßte wenigstens endlich im Juni neues Vorgehen, diesmal sehr richtig mit der Gruppe Conta auf Compiegne und der Mitte über Noyon. Daß Lud. nach Festrennen von Quast und Armin jetzt darauf verfiel, sich hauptsächlich der Heeresgruppe Kronprinz zu bedienen und deren Angriffsvorschlag für die Aisne zuzustimmen, scheint reine Verlegenheitskonzession. Denn mit so durchschlagendem Erfolg konnte er nicht rechnen, er wollte nur neues Zersplittern der Foch'schen Reserven versuchen und dachte wohl damals schon an seinen Reimser Plan. Der erneut durch den Kronprinzen geschaffene Druck südwärts als Zentrumsstoß, der zwischen Montdidier und Marne, d. h. zwischen Paris und Reims hindurchfuhr, war seinem Denken fremd. Und doch hätte er seine Pläne jetzt völlig umgruppieren und neu orientieren sollen, nachdem sich herausstellte, daß auch im Norden bei Ypern infolge seiner Verzögerungen nichts mehr zu holen sei. Dorthin hatte er Weniges aus Hutiers Front herausgezogen, sonst ihn nicht geschwächt, so daß er durchaus zu weiteren Angriffen fähig gewesen wäre. Truppenerschöpfung? Seltsame Ausflucht nach bisheriger Erfahrung! Schlugen nicht die Sieger von Tannenberg acht Tage später in Masurien, nach Lodz an der Bsura, nach Dunajec am San und nicht lange darauf noch heftiger bei Lemberg?
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