Blutseele
hier auftauchen, weil sie sich an deinem Seil runterlassen.« Jenks landete auf einem Fels vorsprung an der Klippe. Seine Haare wehten wild, während er seine Flügel an den Körper presste. »Ich weiß, dass du erklärt hast, es gäbe ein Boot, das uns abholt, aber wie wollen wir es erreichen? Besitzen Elfen Kiemen?«
»Etwas in der Art.« Trent senkte den Kopf und löste mit unsicheren Fingern das Geschirr, bis nur noch die Babytrage um seinen Körper lag.
»Jetzt mal ehrlich!«, sagte Jenks. Er schwebte zwischen Trent und dem Fels, um sich vor dem Wind und Lucys greifenden Fingern zu schützen. »Du kannst schwimmen, aber was ist mit ihr?«
»Floß«, sagte Trent kurz angebunden und warf einen kurzen Blick nach oben, um sicherzustellen, dass die Männer noch nicht auftauchten. Es war doch kein Feiertag, oder? Es würde der Göttin ähnlich sehen zu entscheiden, dass sein gesamter, auf gut Glück gestarteter und schrecklich mangelhafter Plan hier enden würde, mit dem Ziel vor Augen und doch außer Reichweite, zerstört von einem nicht eingehaltenen Fahrplan oder einem unwichtigen Feiertag. Eine Ziege. Ich werde dir eine gottverdammte Ziege opfern. Bring mich nur lebend hier raus.
»Ich sehe kein Floß«, erklärte Jenks, als es Trent endlich gelang, sein winziges Taschenmesser und das Feuerzeug aus der Gürteltasche zu ziehen. Er hatte es mitgebracht, um den Sprengstoff zu zünden, aber es würde auch das Seil verbrennen. Jenks pfiff anerkennend, als Trent die Umhüllung des Seils aufschnitt, den brennbaren Kern freilegte und ihn anzündete. Die dünne Schnur rauchte und brannte wie eine Lunte, während sich die Flamme eine leicht zitternde Spur nach oben bahnte.
»Jetzt wird keiner mehr an deinem Seil absteigen!«, meinte Jenks. »Du hast dir gerade zehn Minuten erkauft, kleiner Keksbäcker!« Jenks landete auf Trents Schulter, und die Flügel des Pixies lagen kalt an seinem Hals. »Ähm, sollte dein Boot jetzt nicht bald kommen?«
»Doch.« Zwei Ziegen, dachte er, während er das Geschirr ins Wasser warf. Dann ging er mit Lucy vor sich in die Knie und blies mit der Druckluft aus seinem Fahrradzubehör die kleine Nussschale von Floß auf. In zwei Sekunden verwandelte sich zwanzig Gramm speziell entworfenes Plastik in ein kleines Boot für eine Person.
»Damit ist für Lucy gesorgt«, kommentierte Jenks, bevor er einen weiteren Blick nach oben warf. Die Schüsse waren verstummt, aber die Männer würden wieder schießen, sobald Trent und Lucy den Schutz der Klippe hinter sich gelassen hatten. Trent bezweifelte, dass sie auf das Floß zielen würden, in dem offensichtlich Lucy lag. Doch sie würden auf jeden Fall versuchen, ihn zu treffen, selbst wenn das bedeutete, dass Lucys Floß gegen die Felsen geschleudert wurde. Vielleicht hatte er zu früh versprochen, die Sorgerechtsvereinbarung noch einmal überprüfen zu lassen. Das hier war schierer Wahnsinn. Er hatte seine Tochter. Es war ihm gelungen, aus dem Haus zu fliehen. Was genug war, war genug.
»Los geht’s, Liebling«, hörte er sich selbst sagen, als er Lucy ungeschickt aus ihrer Trage zog. Die Augen des kleinen Mädchens waren halb geschlossen. Die Aufregung durch Wind, Wasser und Bewegung forderte ihren Tribut. Lucy ver zog das Gesicht, als der kalte Wind sie traf. »Du kannst auf dem Floß schlafen«, flüsterte er, steckte ihre Decke um sie herum fest und zog das Plastikverdeck über sie, um sie vor der Gischt zu schützen.
Es fühlte sich seltsam an, mit Lucy zu reden, während Jenks zuhörte, aber der Pixie kommentierte seine Fürsorge nur mit einem scheinbar befriedigten Nicken. Vielleicht hatte er klüger gehandelt, als er es sich je erträumt hatte, als er Jenks mitgenommen hatte. Der Pixie war ein erfahrener Vater. Wenn Jenks seine Vorsichtsmaßnahmen für ausreichend hielt, dann stellte er sich vielleicht gar nicht so dumm an.
»Ich sehe immer noch kein Boot«, sagte Jenks, als Trent vorsichtig den schwimmenden Korb anhob. Seine Füße schmerzten, als die Felsen sich in seine Haut gruben.
Wortlos watete Trent ins Wasser. Eine Kugel schoss an ihm vorbei, dann die nächste. Jenks fluchte, und Trent verzog das Gesicht. Die Kälte des Wassers raubte ihm den Atem. Seine Kleidung sog sich fast sofort voll. Nach sechs Schritten ging ihm das Wasser bis zur Brust. Die Wellen warfen ihn herum, bis er aufgab und mit Lucys Floß vor sich losschwamm. Er hätte dafür sorgen sollen, dass das Floß an ihm befestigt war, grübelte er, während er die
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