Blutsverwandte: Thriller (German Edition)
allerdings die drei W – er war wachsam, wütend und hatte eine Waffe. Nein, es gab sogar noch ein viertes. Er war ein Widerling.
Der Schweiß, der vor einer Stunde sein Hemd unter den Achseln hatte nass werden lassen, durchtränkte nun auch dessen Vorderseite, benetzte seine Stirn und ließ ihm das Haar an den Schläfen am Kopf kleben. Der Gestank seiner Angst drang bis zu mir und überdeckte den Geruch meiner eigenen. Das Wissen um seine Angst beruhigte mich nicht im Geringsten.
Ich hätte darauf hoffen können, dass er vorbeischoss, hätte einen Fluchtversuch unternehmen oder den Wagen auf eine Weise fahren können, die ihn aus dem Gleichgewicht brachte, um dann hinauszuspringen, während er drinnen blieb und auf einen Zusammenstoß zurollte. Seine Waffe war allerdings nicht auf mich gerichtet.
Sondern auf Carrie.
Obwohl er ihr Hand- und Fußgelenke mit Isolierband gefesselt und ihr einen breiten Streifen davon auf den Mund geklebt hatte, schien er immer noch zu glauben, dass sie ihm entkommen könnte, und ließ sie nie mehr als ein paar Zentimeter von seiner Seite weichen. Die meiste Zeit hielt er einen ihrer schlanken, bleichen Arme brutal umklammert.
Ihre Pupillen waren vor Angst so erweitert, dass das Blau ihrer Iris fast verschwunden war und die Augen beinahe schwarz wirkten. Augen, die im Rückspiegel flehentlich meinen Blick suchten.
Ich wandte den Blick ab und musterte die Ausfahrt direkt vor mir. Ich konnte in diesem Moment nicht besonders klar denken, doch ich wusste, dass ich ihr Leben nicht bei dem Versuch opfern durfte, meines zu retten.
Also bog ich vom Freeway ab, genau wie er mich angewiesen hatte, und fuhr den Van, der vor sämtlichen Blicken von außen verbarg, was in seinem Inneren vor sich ging. Die Leute sahen nur mich, und niemand schien zu bemerken, dass ich panisch war.
Angst bleibt allerdings nie dauerhaft auf demselben Level, und der erste Adrenalinstoß war verpufft, noch ehe wir in den Van beordert worden waren. Doch der kalte Knoten der Beklemmung in meiner Magengrube entwickelte in dieser Lage erstaunliches Durchhaltevermögen. Nach über neunzig Minuten fiel es mir immer noch schwer, den Wagen nicht unkontrolliert oder sonst irgendwie zu seinem Missfallen zu steuern.
Ich wollte nicht, dass er noch wütender oder noch nervöser wurde, als er ohnehin bereits war.
Ein bewaffneter Mann bekommt manchmal seinen Willen. Ich wandte nicht einmal etwas ein, als er auf einem der langsameren Abschnitte der Interstate 5 meine Handtasche zu durchwühlen begann, die er vom Boden des Vans aufgehoben hatte. Er zog mein Mobiltelefon heraus und steckte es ein.
Langsam begann ich zu rätseln, was mit Bonnie geschehen sein mochte. Mich zu fragen, wo Roy Fletcher, Carries »Dad«, und die anderen drei Kinder mittlerweile steckten und wie lange es dauern würde, bis sie Carrie vermissten. Und wie lange es dauern würde, bis irgendjemand mich vermisste.
Ich befolgte seine barschen Anweisungen, und wir befanden uns mittlerweile in der hochgelegenen Wüstengegend nördlich von Los Angeles, dem Antelope Valley an der Nordseite der San Gabriel Mountains. Er befahl mir, den Freeway in Palmdale zu verlassen, und rief auf meinem Telefon jemanden an.
»Ich bin’s«, meldete er sich.
Nach einer Pause sagte er: »Palmdale, aber …«
Er seufzte. »Ich weiß, ich weiß. Ja, ich weiß, dass ich spät dran bin! Hör mir mal zu … Ja, es gibt …«
Er warf mir einen Blick zu und senkte die Stimme. »Es ist alles ein bisschen kompliziert. Carrie war nicht allein, als ich sie gefunden habe.«
Ich hörte, wie ihn jemand zur Schnecke machte.
Er trennte die Verbindung. Dann gab er mir eine Reihe neuer Anweisungen, worauf wir in östlicher Richtung weiterfuhren.
Kurz darauf klingelte mein Telefon. Er las die Nummer auf dem Display und drückte die Taste für Rufannahme, sagte jedoch nichts.
Erneut wurde er ausgescholten, doch diesmal nicht unwidersprochen. »Halt den Mund, sonst lege ich wieder auf und mache, was ich will.«
Nun wirkte er noch nervöser als fünf Minuten zuvor. Ständig sah er abwechselnd Carrie oder mich an und hielt nach wie vor die Waffe auf sie gerichtet. Ich hatte mir bereits überlegt, wie ich seinen Schuss ins Leere lenken konnte, falls er tatsächlich die Nerven verlor und den Abzug drückte. Dummerweise würden aber alle diese Pläne mit hoher Wahrscheinlichkeit meinen eigenen Tod zur Folge haben, wenn nicht gar noch Carrie bei einem Zusammenstoß ums Leben kam.
»Sie war mit
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