Castle 3: Heat Rises - Kaltgestellt (German Edition)
wartete nicht, bis sie wieder auf dem Revier war, um sich mit der Entdeckung der TENS-Verbrennungen auf dem Körper des Strippers auseinanderzusetzen. Sie verließ den Franklin D. Roosevelt East River Drive an der Ausfahrt zur Einundsechzigsten Straße und nahm die First Avenue Richtung Uptown. An der ersten roten Ampel drückte sie die Kurzwahltaste für Captain Montroses Büroanschluss. Es tutete viermal. Sie konnte sich bildhaft vorstellen, wie das einsame Licht des Telefons im dunklen Büro blinkte. Dann ging wie erwartet die Voicemail dran. Nikki hinterließ lediglich ihren Namen und die Uhrzeit und versuchte, die Anspannung aus ihrer Stimme herauszuhalten. Sie wusste, dass sie seine Telefonnummern auf der Liste mit den Telefondaten des Priesters ansprechen musste, aber sie hatte vorgehabt, das gegen Ende der Schicht zu tun, wenn das Revier leer sein würde. Doch nachdem sie diese Male von elektrischen Verbrennungen auf Müllers Körper gefunden hatte, sah sie sich gezwungen, diese Unterhaltung vorzuverlegen. Es war an der Zeit, ihn wegen des Huddleston-Mordes zu fragen, in dem er 2004 ermittelt hatte. Heat wusste nicht, welche Bedeutung der Fall für ihren hatte, aber die Erfahrung lehrte sie, scheinbare Zufälle mit Vorsicht zu genießen.
Gedankenverloren bog sie nach links auf die Neunundsiebzigste Straße ab, als die Ampel schon auf Rot umgesprungen war, und sah sofort Blaulicht in ihrem Rückspiegel aufblitzen. Für den Bruchteil einer Sekunde setzte ihr Herz aus – selbst Polizisten bekamen einen Schreck, wenn Sie dachten, dass sie einen Strafzettel kassieren würden –, aber es war nur der Pitbull, der die restlichen Verkehrsteilnehmer darauf aufmerksam machte, dass es sich bei ihr ebenfalls um eine Polizistin handelte. An der nächsten Ampel fuhr er mit seinem Streifenwagen neben sie, und sie ließ ihr Fenster herunter. Eine Mischung aus Graupeln und Schnee fiel auf ihren Ärmel. „Machen Sie sich keine Sorgen um mich“, sagte er, „ich habe eine gute Lebensversicherung.“
„Ich halte Sie nur auf Trab, Harvey“, erwiderte sie lachend und fuhr weiter. Ein erneuter Versuch, Montrose zu erreichen. Nikki rief auf seinem Handy an. Es tutete nicht einmal, sondern sprang gleich auf die Mailbox um. Heat hinterließ eine weitere kurze Nachricht und warf ihr Handy auf den Beifahrersitz. Sie würde es in fünf Minuten erneut versuchen, wenn sie wieder an ihrem Schreibtisch saß.
Sie überquerte die Fifth Avenue, um die Abkürzung durch den Central Park zu nehmen. Wie immer drehte sich Nikkis Kopf nach rechts, damit sie einen bewundernden Blick auf eines ihrer Lieblingsgebäude in der ganzen Stadt werfen konnte: das Metropolitan Museum of Art. An diesem kalten Wintertag wirkte es auf sie wie ein grüblerischer Klotz, der feucht und mit Eis bedeckt zwischen den kahlen Bäumen seinen Winterschlaf hielt. Das Dröhnen von Autohupen riss sie in die Wirklichkeit zurück. Sie sah in den Rückspiegel, wo sie einen hohen, mit Graffiti bedeckten Lieferwagen entdeckte, der hinter ihr zum Stehen kam und die Straße blockierte. Mehr Hupen erklangen. Dann konnte sie das zweifache Zirpen einer Sirene und die Befehlsstimme des Pitbulls hören, die aus seinen Lautsprechern schallte. „Entfernen Sie das Fahrzeug … Sofort.“
Die Passage der Neunundsiebzigsten Straße war eine zweispurige Fahrbahn, die wie eine enge Schlucht geschnitten war und drei Meter unterhalb der Bodenhöhe durch den Central Park verlief. Sie stellte einen städtischen Kompromiss dar, denn aufgrund ihrer tieferen Lage konnte der Verkehr durch den Park geleitet werden, ohne dass dadurch die Aussicht beeinträchtigt wurde. Als sich die Straße nach unten unter den East Drive des Parks neigte, fuhr Heat in den Schutz der Unterführung, und die Scheibenwischer des Crown Victorias huschten quietschend über die trockene Windschutzscheibe. Als sie wieder ans Tageslicht kam, hallte im Tunnel ein lautes Ploppen wider, und ihr Lenkrad drehte sich in ihren Händen. Das war kein geplatzter Reifen, dachte sie. Doch gleich darauf erklangen weitere Plopplaute und das Hinterteil ihres Wagens schlingerte durch den Schneematsch. Sie nahm den Fuß vom Gas und korrigierte ihren Kurs, so gut ihr das auf der vereisten Straße gelang. Doch ohne Luft in den Reifen erinnerte das, was sie tat, eher an Eislaufen als an Autofahren. Ihr Wagen rutschte zur Seite, bis das Vorderteil hart gegen die Felsmauer schlug, die die Straße säumte. Beim Aufprall wurde Nikki ruckartig
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