Cataneo - Der Weg Splendors (German Edition)
ihrem Nacken und verfluchte Vortex in Gedanken für dieses unterwürfige Leben, das sie zu führen gezwungen war. Die Brut nutzte ihre Stärke nicht nur gegen Fremde, sondern knechtete sich damit auch untereinander. Beischlaf war eine Pflicht, die man lieber erfüllte, wenn ein stärkerer Dämon danach verlangte – egal ob man wollte oder nicht. Unterdrückte Erinnerungen an Erniedrigungen, die sie schon hatte ertragen müssen, stiegen wieder in ihr hoch. Aber Indyrah war stark, stärker als die meisten anderen und so nahm sie meist lieber Schläge in Kauf, statt sich einem Dämon hinzugeben, den sie selbst nicht begehrte. So war es auch in dieser Nacht, in der sie rasch vom Dach sprang, um ihm und seiner Gier vorerst zu entfliehen.
EIN EINLADENDES GASTHAUS
Der Raum glich einer Halle, so hoch waren die Decken. Ebenso prächtig waren die Fenster, die das strahlende Sonnenlicht in den Raum fluten ließen. Der Mund stand Morris weit offen, als er die Gemächer des Königs betrat. Auch wenn dies nicht unbedingt seinen Geschmack traf, war er von solch handwerklicher Kunst schwer beeindruckt. Ein Kamin war der Blickfang des Zimmers und obwohl er erloschen war, konnte der Hauptmann sich das wohlige Gefühl, das einem ein knisterndes Kaminfeuer in der Nacht schenkte, gut vorstellen. »Ein wahrlich prächtiges Gemach, mein König!«, sprach er anerkennend und verbeugte sich. König Carus war nicht so versessen darauf, mit Reichtum zu protzen wie König Zorthan. Er genoss eher gutes Essen, wie man ihm auch ansah. Er besaß eine sehr zarte Haut, fast zu schön für einen Mann und volles schwarzes Haar. Außerdem war er bekannt für seinen gutmütigen Charakter. Morris mochte ihn.
»Ein prächtiges Gemach fürwahr. Anmaßend den Armen gegenüber, aber zu schön, um es zu kritisieren. Nun aber zu Euch, Morris. Ihr habt es geschafft, wie ich sehe?«, fragte er mit einem breiten Lächeln.
Der Hauptmann nickte, während er immer noch staunend den Raum musterte.
»Wo ist der Stolz, den Ihr sonst tragt, als wäre er eine Auszeichnung? Ich vermisse Eure Freude über den Erfolg der gefährlichen Reise.« Carus’ Blick veränderte sich innerhalb weniger Augenblicke, er runzelte die Stirn und sein Lächeln erlosch. »Was ist passiert, Morris?«, fragte er mit sorgenvoller Miene.
Morris zog das schwarze Buch aus der Innentasche seines Mantels. Er erzählte seinem König von den ersten Tagen mit den Dämonen in Zitelia. Von ihren Augen und der Leere, die er darin gesehen hatte. Von der Angst, die er dabei verspürt hatte und von der Dämonin, die so ganz anders gewesen war. Aus dem Hauptmann sprudelte auf einmal alles heraus, was er in den letzten Wochen erlebt hatte. Er erzählte seinem König alles über Failon und dem Wirt Xeroi. Seine Stimme wurde zittrig, als er von der Begegnung am Grauen See sprach und wie er sich gefühlt hatte, als er den Sandari hilflos ziehen lassen musste. Morris nahm kein Blatt vor dem Mund und schämte sich auch nicht für die kummervollen Gefühle, die ihn die letzten Tage geplagt hatten. Dann kam er auf das Kind Splendors zu sprechen und blickte beschämt zu Boden, als er von ihrem Tod berichtete. Er wollte, dass sein König wusste, dass Morris kein Lob zustand, denn nur ein Teil der Bevölkerung Zitelias war mit auf die Reise gekommen und konnte so gerettet werden. Zum Schluss bat er seinen König, die Stadt Neckmar verlassen zu dürfen, um umzukehren und seinen Freund Failon suchen zu können. Immer wieder deutete er auf die Zeilen des Buches und versprach ihm, zurückzukehren, sollte er das Geheimnis dieser Wörter lüften können.
Doch obwohl König Carus still zugehört und ihm verständnisvoll zugenickt hatte, während er sprach, lehnte der König seinen Wunsch dennoch ab. »Ihr werdet hier gebraucht«, erklärte er und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er wollte seinem Hauptmann damit vermitteln, dass er seinen Wunsch gut verstehen konnte und sich trotzdem dagegen ausgesprochen hatte, weil er es als das Beste für alle ansah.
Morris jedoch empfand die Geste so, als ob der König ihn zurückhalten wollte. »Wie Ihr wünscht!«, fuhr er Carus sichtlich enttäuscht an und riss seine Schulter aus dessen Griff.
Er warf die Tür krachend hinter sich ins Schloss und ging schnellen Schrittes den Gang entlang. König Zorthan, der Dritte hatte zum Glück die Haupthalle verlassen, sonst wäre Morris vor Wut explodiert.
Morris rannte zornentbrannt durch die Straßen der Stadt, bis er nicht mehr
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