Coaching - Eine Einfuehrung fuer Praxis und Ausbildung
der Krise zu begreifen vermögen.
Als der Filialleiter die damalige, anscheinend für die aktuelle Problematik maßgebliche Situation mit der »intriganten« Mitarbeiterin
in einem Rollenspiel darstellte, fiel ihm zunächst »gar nichts Besonderes auf«. Es handelte sich dabei um eine Situation,
wo er sie vor der gesamten Belegschaft und vor einem langjährigen, von der Mitarbeiterin hochgeschätzten Kunden umständlich
und mit einer etwas geringschätzigen Haltung belehrte. Als ich selbst einen inneren Rollentausch mit dem Kunden vornahm, fiel
mir auf, dass mich dieser Führungsstil befremdete, und ich verspürte den Impuls, der Mitarbeiterin die Botschaft zuzuzwinkern:
»Mach dir nichts draus, der ist ein Angeber.« Als ich ihm dies mitteilte, meinte der Filialleiter: »Ja, aber wir haben bei
unseren Führungsseminaren in der Firma gelernt, dass Filialleiter den Kunden gegenüber immer alle Dinge gleich korrekt erklären
sollten.« Bei einem Rollentausch mit dieser Mitarbeiterin fiel ihm aber nun selbst auf, dass sein gesamtes Verhalten bei ihr
eine Kränkung erzeugen musste. Im weiteren Verlauf der Sitzung begriff er, dass die Leitlinien aus seinen Schulungskursen
durchaus sinnvoll waren. Er wusste sie aber in der damaligen Situation noch nicht angemessen genug anzuwenden. Außerdem musste
er sich in den Augen der Mitarbeiterin erst als fachlich und menschlich akzeptabler Vorgesetzter bewähren, bevor er nahtlos
in die Kundenberatung eingreifen konnte. Er hatte seinen Beeinflussungsversuch ausschließlich auf eine legitime Machtbasis
und auf ein nur sich selbst zugeschriebenes Expertentum zu gründen versucht. Personale Machtphänomene hatte er noch nicht
als relevant erfasst.
Der externe Coach als Personalentwickler
Die exzentrische Position externer Berater ermöglicht ihnen oft nicht nur eine bessere Krisenbewältigung, sondern stellt auch
einen Vorteil dar, wenn Führungskräfte für die Initiierung und Realisierung innovativer Entwicklungen in einem System Begleitung
brauchen. Die Kulturneutralität des externen Coach ist auch in solchen Fällen relevant, wo zwei Organisationen zusammengelegt
werden. Und nicht zuletzt ist eine exzentrische Position von Beratern bei der Personalentwicklung von hochrangigen Führungskräften
bedeutsam.
|203| Personalentwicklung bei innerorganisatorischen Veränderungen
Strukturelle Korrekturen in Organisationen bleiben unverankert, wenn sie nicht mit neuen Führungsmustern gefüllt werden. Wenn
man bedenkt, dass viele Firmen über Jahrzehnte hinweg ausgeprägt bürokratische Kulturen entwickelt haben, ist sofort einleuchtend,
dass die heute notwendigen strukturellen Innovationen, die auch mehr Autonomie von den Mitarbeitern erfordern, häufig durch
externe Berater gestützt werden müssen. Diese sind nämlich nicht in die »verkrustete« Kultur integriert und somit auch nicht
von ihr infiltriert. Coaching erhält hier die Funktion, soziale und konzeptionelle Managementkompetenzen der jeweiligen Führungskräfte
zu fördern.
Dieses »Schicksal« trifft heute viele Meister in der Automobilindustrie. Sie sollen dann z. B. »selbststeuernde Gruppen« moderieren
(
Thönnes
1993 u. a.). Die ihnen bislang vertrauten Führungsformen, die oft nur im Anweisen und Überwachen bestanden, müssen jetzt zugunsten
neuer, zum Selbstmanagement anregender Führungsstile gewandelt werden.
Systematische Führungsberatung im Sinne von Coaching bewährt sich auch in sozialen Dienstleistungssystemen, die zum Überleben
heute ebenfalls oft neue Muster etablieren müssen.
Durch das neue Pflegeversicherungsgesetz in Deutschland befinden sich Systeme der Haus- und Altenpflege heute in einem radikalen
Umbruch. Derartige Dienste, die früher von kirchlichen und anderen Wohlfahrtsverbänden im Rahmen karitativer Kulturmuster
geleistet wurden, sind heute gezwungen, sich zu professionalisieren. Durch die neue Gesetzgebung und den damit verbundenen
Zugriff auf die Gelder der Pflegeversicherungen etablieren sich derzeit eine Vielzahl von privaten Anbietern. Damit entwickelt
sich in diesem Feld ein sehr konkurrenter Markt, in dem voraussichtlich nur die Systeme überleben werden, die eine qualitativ
hochwertige und effiziente Pflege anbieten. Erschwerend kommt hinzu, dass der Arbeitsmarkt für Pflegepersonal sehr eng geworden
ist, sodass Einrichtungen der Haus- und Altenpflege die Attraktivität der Arbeitsplätze deutlich erhöhen
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