Cruel World
Freundin und ich sind, bevor du mich vor dem Kaninchen gerettet hattest, im Streit auseinandergegangen. Ich muss sie noch aufsuchen und mich bei ihr entschuldigen. Vielleicht verzeiht sie mir dann und beginnt zu verstehen, weshalb ich nicht weglaufen will. Außerdem muss ich noch zu Noah gehen und mir Gewissheit beschaffen, dass Aaran ihn wirklich verschont hat, bevor ich von ihm praktisch entführt wurde.
Er knirschte mit den Zähnen, was mich ein bisschen verwirrte. Als ich Noah gesagt hatte, hat es angefangen. Jetzt sah er wieder schlecht gelaunt aus.
Außerdem wissen wir beide, dass Aaran mich ganz bestimmt, weshalb auch immer, irgendwann versuchen wird aufzuspüren. Wenn er mich nicht in der Stadt oder in der Umgebung finden kann, dann wird er hundertprozentig den ganzen Kontinent absuchen lassen und wenn man mich selbst dann nicht findet, was unmöglich ist, dann lässt er vielleicht vor Wut die ganze Welt untergehen. Meine Augen weiteten sich. Was wenn er riesige Wellen heraufbeschwören oder Vulkane ausbrechen lassen kann? Mit dem Gedanken, so viele unschuldige Leben auf dem Gewissen zu haben, könnte ich nicht leben.
Alex fing an laut zu lachen.
Ich dagegen starrte ihn bloß ausdrucklos an und überlegte, ob das, was ich gesagt hatte, tatsächlich so witzig gewesen war.
Wenn du Aaran nicht mehr sehen willst, dann erteile ihm doch eine ordentliche Abfuhr! Was ist daran so schwer, Chalina-Anastasia?
Einerseits hatte er natürlich recht. Es wäre für mich nicht so schwer ein paar verletzende Sätze auszusprechen. Andererseits war ich mir ziemlich sicher, dass er sich davon nicht verjagen lassen würde. Wie könnte ein ganz normaler Mensch wie ich solch einen mächtigen Vampir einfach loswerden? Das war unmöglich. Wenn er wollte, könnte er mich mein ganzes Leben lang belästigen oder sogar gefangen halten, ohne dass ich mich wehren kann. Gegen ihn hätte ich niemals eine Chance. Er hatte mir mehr als nur deutlich gemacht, dass er sich von einer so frechen, vorlauten Frau wie mir nichts sagen lassen würde. Eigentlich wollte ich mich gar nicht mit ihm anlegen. Das beste wäre, wenn ich mich einfach so gut es ging, von ihm fernhielt. Falls er mich zu sich bringen lassen sollte, dann würde ich ihn einfach die ganze Zeit nicht beachten. Somit könnte er sich grün und blau ärgern. Wenn das geschah, könnte ich ihn auf die Folter spannen und auslachen, ohne einen Grund zu nennen.
Ich glaube, ich kenne deinen Bruder besser als du selbst, Alex. meinte ich und haute ihm leicht auf die Schulter.
Ich bitte dich! Das kann gar nicht stimmen. Immerhin bin ich derjenige, der mit ihm fünf Jahre lang aufgewachsen ist. Niemand kennt Aaran so gut wie ich. Ich weiß, dass er sich eigentlich nur einsam fühlt, weil er ebenso wenig Liebe von unseren Eltern bekommen hat wie ich.
Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. Hattest du nicht behauptet, er wäre immer bevorzugt worden?
Das stimmt schon. Allerdings wurde ihm nur ständig gesagt, dass er ein guter Kämpfer sei. Unsere Eltern haben uns noch nie in die Arme genommen und ich denke auch nicht, dass das jemals geschehen wird. Sie waren immer mit anderen Dingen beschäftigt, wie das Geheimhalten unserer Spezies. Schließlich sind wir die Königsfamilie. Er stieß einen verächtlichen Laut aus, ehe sich seine Augen mit Tränen füllten. Ich habe nie die Worte
Ich liebe dich
von ihnen gehört. Ich wurde ständig in der Dunkelheit eingesperrt zur Strafe, dass ich nicht grausam bin. Trotzdem hatte ich einige Freunde, die für mich da waren und mich getröstet und abgelenkt haben. Aaran dagegen hatte niemanden außer sich selbst. Nicht einmal die Dienerinnen hatten ihn je unterhalten können. Du weißt gar nicht, was sie alles versucht haben, um wenigstens ein kleines Lächeln auf sein Gesicht zaubern zu können. Trotzdem hat das alles nichts gebracht. Als wir dann fünf Jahre alt wurden, haben unsere Eltern uns voneinander getrennt. Er musste England verlassen, um sich seinem Schicksal zu fügen, was keinen von uns beiden wirklich traurig gemacht hat. Wir haben uns immer gegenseitig beneidet. Nicht einmal jetzt fehlt er mir.
Erst als ich tief Luft holte fiel mir auf, dass eine einzige Träne an meiner linken Wangen hinunterlief. Schniefend wischte ich sie mir sofort weg.
Aber du musst ihn doch wenigstens ein bisschen vermissen. Mann kann seine Familie nicht hassen, Alex.
Mit unergründlichem Blick schaute er mich an. Doch, das kann man. Ich sage die Wahrheit. Glaube mir
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