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Das Auge von Tibet

Das Auge von Tibet

Titel: Das Auge von Tibet Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Eliot Pattison
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an, es über sein rotes Hemd zu streifen. Dann beugte der eluosi sich dicht neben das Ohr des Kamels. Sophie gab ein leises wieherndes Geräusch von sich, und Marco richtete sich wieder auf. »Okay, steigt auf«, sagte er mit hochgezogenen Brauen, als wolle er seine Überraschung zum Ausdruck bringen. »Sie sagt, es ist in Ordnung. Aber.«, er deutete auf Shan, »Sie übernehmen die Stiefel, und«, fügte er hinzu und wies auf Lokesh, »... du die Taschen.« Er ignorierte ihre fragenden Blicke, führte Sophie aus dem Schuppen und trat ins Tageslicht hinaus. Dann drehte er sich um. »Eines noch. Sie sagt, falls einer von euch jemals auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verliert, wohin wir unterwegs sind und auf welchem Weg wir dorthin gelangen, wird der blaue Wolf euch aufspüren und verschlingen.«
    Batu nickte ernst und starrte Sophie mit großen Augen an.
    Jakli nahm den Jungen ein weiteres Mal in den Arm. »Du bist jetzt in Sicherheit«, sagte sie, ließ ihn los und warf Marco und Shan einen kurzen Blick zu. »Drei Uhr morgen nachmittag«, erinnerte sie die beiden und lief dann in Richtung der Stadt davon.
    Die anderen brachen ebenfalls auf und sahen schon bald einen Friedhof am anderen Flußufer. In der Nähe der Böschung entdeckten sie ein frisches Grab, neben dem ein kleines braunweißes Pferd stand und den Kopf hängen ließ. Sie hielten an und nahmen die Szene genauer in Augenschein.
    »Die meisten der zheli haben gar kein eigenes Pferd«, erklärte Batu. »Kublai hat letztes Jahr einen ganzen Monat lang gesungen, nachdem sie es ihm geschenkt hatten.« Der Kasachenjunge seufzte wie ein alter Mann, ohne das Tier aus den Augen zu lassen. »Jetzt seht nur, wie sehr es leidet.«
    Die drei Kamele trabten das Tal hinauf und folgten dabei einem Pfad, der parallel zum Fluß verlief. Dann gelangten sie über eine lange Kammlinie in eine Gegend, die Shan bekannt vorkam; es war das kleine Tal, in dem Laus Hütte stand. Als sie das Gebäude passierten, schaute Shan den bewaldeten Hang hinauf zu der Höhle, in der Lau lag und darauf wartete, daß ihr Gerechtigkeit widerfuhr.
    Das Tal lag bald wieder hinter ihnen. Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten, als Marco das Tempo verringerte und an einem Teich unterhalb eines kleinen Wasserfalls hielt. Sie befanden sich tief im Kunlun, und der Wind wehte kühl und frisch von den Eisfeldern zu ihnen herab. Marcos Blick wanderte ruhelos über den Horizont.
    »Falls etwas passiert, tut ihr genau das, was ich tue«, sagte er wie unter einer dunklen Vorahnung. »Reagiert schnell. Redet nicht. Hört mir zu. Hört auf die Kamele.«
    Batu ritt mit Shan auf dem Kamel hinter Sophie. Sie folgten dem silberweißen Tier nach Südwesten und konnten stellenweise weit in die ferne Wüste hinausblicken. Dann fiel der Pfad plötzlich steil in ein langgezogenes Tal ab, dessen Hänge mit Geröll und braunem Gras bedeckt waren und auf dessen Grund ein schneller Bach strömte. Der Weg, auf dem sie sich befanden, war auffallend breit, als hätte man ihn einst als regelmäßige Reisestrecke angelegt. Batu wies auf Einzelheiten hin, die Shan gar nicht wahrgenommen hatte. Ein Pfeifhase, der sich die Wangen mit Gras vollstopfte, das ihm als Wintervorrat dienen würde. Ein Adler, der hoch über dem benachbarten Berggrat schwebte.
    Auf einmal blieb Sophie stehen. Shan erschrak, entspannte sich jedoch wieder, als er sah, daß Marco sich nicht nach irgendeiner Bedrohung ums chaute. Dann wurde ihm klar, daß der eluosi Sophies Kopf beobachtete. Das silberne Kamel reckte die Nase in Richtung Westen und stieß einen gellenden Schrei aus. Marco sprang aus dem Sattel. »Ein Hubschrauber!« brüllte er und rief dann mehrere Worte auf russisch.
    Die Kamele liefen in verschiedene Richtungen auseinander, während ihre Reiter abstiegen und zu Boden fielen. Auch die Tiere ließen sich nieder, falteten die Beine unter den Leibern und legten ihre Köpfe eng an die Schultern. Shan hörte Lokesh irgendwo in der Nähe lachen. Er warf einen Blick über die Flanke des Kamels und sah, daß Marco sich dicht an Sophie drängte und im Schatten ihres Körpers verschwand. Lokesh tat es ihm unter lautstarkem Gelächter nach. Die Tiere und ihre Reiter würden auf diese Weise einfach wie drei weitere Felsblöcke in der graubraunen Landschaft wirken. Deshalb hatte Marco auch dafür gesorgt, daß Batu sein rotes Hemd bedeckte. Aus einem schnell fliegenden Überwachungshelikopter würde man sie leicht übersehen.
    Ein tiefes

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