Das Echo aller Furcht
konventionelle Sprengbombe viel zu dünn. Was, zum Teufel, hatte er da vor sich?
Russell ging näher heran und entfernte nun mit den Händen die Erde von der Bombe. Dabei ging er vorsichtig und gründlich vor. Der Amerikaner schwitzte ordentlich, hielt aber nicht ein einziges Mal bei der Arbeit inne. Ghosn bewunderte seine Armmuskeln. Einen Mann mit solcher Körperkraft hatte er noch nie gesehen. Selbst die israelischen Fallschirmjäger wirkten nicht so gewaltig. Russell hatte zwei oder drei Tonnen Erde ausgehoben, aber man sah ihm die Anstrengung der Arbeit, die er so stetig und kraftvoll verrichtete wie eine Maschine, kaum an.
»Mach mal Pause«, sagte Ghosn. »Ich muß mein Werkzeug holen.«
»Gut«, erwiderte Russell, setzte sich und starrte die Bombe an.
Ghosn kehrte mit einem Rucksack und einer Feldflasche zurück, die er dem Amerikaner reichte.
»Danke. Ist ziemlich warm hier.« Russell trank einen halben Liter Wasser. »Und was jetzt?«
Ghosn holte einen Pinsel aus dem Rucksack und begann die letzten Erdreste von der Bombe zu entfernen. »Verschwinde jetzt lieber«, warnte er.
»Schon gut, Ibrahim. Ich bleibe hier, wenn du nichts dagegen hast.«
»Jetzt kommt der gefährliche Teil.«
»Du bist ja auch bei mir geblieben«, betonte Russell.
»Wie du willst. So, ich suche jetzt den Zünder.«
»Ist der nicht vorne?« Russell wies auf die Nase der Bombe.
»Hier nicht. Gewöhnlich ist einer in der Spitze angebracht – der scheint hier zu fehlen. Ich sehe nur zwei Schraubkappen, eine in der Mitte und eine hinten.«
»Warum hat das Ding keine Flossen?« fragte Russell. »Haben Bomben nicht so was wie die Steuerfedern am Pfeil?«
»Der Steuerschwanz, wie das heißt, wurde wahrscheinlich beim Aufprall abgerissen. Oft weisen uns an der Oberfläche liegende Flossen auf einen Blindgänger hin.«
»Soll ich jetzt das Ende freilegen?«
»Aber ganz, ganz vorsichtig, Marvin.«
»Wird gemacht.« Russell löste nun die Erdbrocken vom Ende der Bombenhülle. Ghosn war einfach nicht aus der Ruhe zu bringen, überlegte Marvin. Er selbst hatte so dicht bei einem Riesenhaufen Sprengstoff eine Heidenangst, durfte und würde sich aber verdammt noch mal nichts anmerken lassen, das nach Schiß aussah. Ibrahim mochte ein dürrer Schwächling sein, aber es erforderte Mut, so kaltschnäuzig an einer Bombe herumzufummeln. Ihm fiel auf, daß Ghosn die Hülle so sorgfältig reinigte, als pinselte er an einer Titte herum, und er zwang sich, ebenso behutsam vorzugehen. Zehn Minuten später war das Ende freigelegt.
»Ibrahim?«
»Was gibt’s?« erwiderte Ghosn, ohne aufzusehen.
»Hier hinten ist bloß ein Loch.«
Ghosn ließ den Pinsel sinken und drehte sich um. Merkwürdig, dachte er. Aber er hatte anderes zu tun. »Danke, du kannst jetzt aufhören. Ich habe den Zünder immer noch nicht gefunden.«
Russell entfernte sich, setzte sich auf einen Haufen Erde, trank die Feldflasche leer und ging dann hinüber zum Lastwagen. Die drei Männer hatten sich sicherheitshalber hinters Haus zurückgezogen; der Bauer verzichtete auf Dekkung. Russell warf einem Mann die leere Feldflasche zu und bekam eine volle zurück. Er reckte den Daumen und schlenderte zurück zu dem Blindgänger.
»Mach mal Pause und trink einen Schluck«, sagte Marvin.
»Gute Idee«, stimmte Ghosn zu und legte den Pinsel neben die Bombe.
»Hast du was gefunden?«
»Eine Buchse, sonst nichts.« Auch das ist seltsam, dachte Ghosn, während er die Feldflasche aufschraubte. Die Bombe wies keine Schablonenbeschriftung auf und trug nur ein silberrotes Etikett nahe der Nase. Farbkennzeichnungen an Bomben waren verbreitet, aber diese Kombination hatte er noch nie gesehen. Was war dieses verdammte Ding? Ein FAE-Körper, also eine Aerosolbombe, oder eine Streubombe? Oder ein altes, technisch überholtes Modell, das er noch nie gesehen hatte? Immerhin war das Objekt 1973 abgeworfen worden. Vielleicht etwas, das schon seit langem nicht mehr eingesetzt wurde. Sehr ungünstig, denn ein unbekanntes Modell konnte eine Zündeinrichtung haben, mit der er nicht vertraut war. Sein Handbuch für solche Dinge, das er inzwischen auswendig kannte, war die arabische Übersetzung eines russischen Standardwerks und führte ein solches Objekt nicht auf. Beängstigend. Ghosn nahm einen tiefen Schluck aus der Feldflasche und spritzte sich dann ein wenig Wasser ins Gesicht.
»Take it easy«, meinte Russell beruhigend.
»An dieser Arbeit ist nie was easy, mein Freund, und sie ist immer
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