Das Erbe des Vaters
mit Raubvogelblick zu beobachten, während er das labberige Gebräu trank.
Von einer Zelle aus rief er Alec und Luiz an. Alec war mit seiner Verlobten zum Theater verabredet; Luiz hatte seinen melancholischen Tag und kein Verlangen nach lärmender Geselligkeit. Im Geist ging Caleb seine anderen Londoner Freunde durch. Seine Hand zögerte auf dem Weg zum Telefonhörer. Komm schon, bring es hinter dich, sagte er sich. Man konnte nicht behaupten, daß es ihn direkt gequält hatte, es war mehr ein ständig nagendes Gefühl, etwas unerledigt gelassen zu haben, vielleicht ähnlich, wie es einen plagte, wenn man das schmutzige Geschirr stehen oder einen Brief ungeschrieben ließ.
Romy verstand nicht, was eigentlich zwischen ihr und Tom schiefgegangen war. Sie hatten nicht gestritten – Tom haßte Streit, und wenn einer aufzukommen drohte, so pflegte er entweder einen Rückzieher zu machen oder einfach davonzugehen. Aber das, was sie früher liebenswert gefunden hatte, hatte begonnen sie zu ärgern. Sie vermutete, daß es ihre Schuld war, daß er einfach zu nett für sie war. Daß sein Idealismus und seine Genügsamkeit an jemanden wie sie verschwendet waren. Immer häufiger reizten sie gerade jene Eigenschaften an ihm, die sie doch hätte bewundern müssen: seine Geduld, seine Toleranz gegenüber den Schwächen anderer, seine Selbstlosigkeit. Manchmal, wenn er einem seiner Freunde oder einem Stadtstreicher mit blutunterlaufenen Augen und Raucherhusten seinen letzten Shilling gab, hätte sie ihn am liebsten angeschrien: Deine Jackenärmel sind durchgescheuert. Du hast seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen. Schau dich doch mal selber an, Tom, ehe du versuchst, die Welt zu retten!
Sie versuchte, sich einzureden, sie wäre nur so empfindlich, weil sie müde war und der Sommer zu Ende ging. Es würde sich schon alles wieder einrenken. Aber sie blieb Tom gegenüber gereizt und fing wegen der unwichtigsten Dinge Streit mit ihm an. Die nächtlichen Gespräche, die sie früher so genossen hatte, fielen ihr jetzt auf die Nerven. Sie hörte sich selbst, wie sie in scharfem, ungeduldigem Ton irgendeine Bemerkung von ihm aufgriff und gnadenlos zerpflückte. Wenn sie seinen verwundeten Blick sah, murmelte sie: »Ach, es tut mir leid, Tom, es tut mir so leid«, und bearbeitete ihn so lange mit Küssen und guten Worten, bis er wieder lächelte.
Als Wiedergutmachung für ihre Launen kaufte sie ihm in der Bäckerei Donuts und Zuckerschnecken und besorgte ihm ein getragenes Jackett von Jake, das diesem nicht mehr paßte. Wenn er nicht hinsah, fütterte sie den Zähler der Heizung in seiner Wohnung mit Münzen; als er eine Erkältung hatte, versorgte sie ihn mit Aspirin und Orangen. Aber als sie sich eines Tages dabei ertappte, daß sie die fehlenden Knöpfe an einem seiner Hemden annähte, hielt sie plötzlich inne, entsetzt über das, was sie tat. Da saß ausgerechnet sie, die ehrgeizige, selbständige Romy Cole, die sich geschworen hatte, niemals einen Mann zu bedienen, niemals im Hausfrauendasein zu versumpfen, und nähte Knöpfe an! Ohne es zu merken, war sie in die Rolle der treusorgenden Ehefrau gerutscht.
Und als sie sich in ihrer Umgebung umsah, gewann sie den Eindruck, daß viele andere Frauen in die gleiche Falle gestolpert waren. Da war natürlich Psyche, die für einen Mann kochte und putzte, der seinen Worten zufolge nichts von der Ehe hielt, es sich aber gern gefallen ließ, daß eine Frau sich um den täglichen Kleinkram kümmerte, den selbst zu erledigen er für unter seiner Würde hielt. Und wie viele der Künstler, denen sie in Soho begegnete, waren Frauen? Kaum eine fiel ihr ein. Die meisten Frauen definierten sich über ihre Beziehung zu einem Mann. Sie waren Ehefrauen oder Geliebte, Musen oder Huren. Nur einige wenige, wie Mirabel Plummer, bewahrten sich ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Mrs. Plummer hatte die Männer benutzt, um ihre eigenen Ziele zu erreichen, indem sie hier einen reichen alten Mann geheiratet und sich dort einen wohlhabenden Liebhaber genommen hatte. Und doch war nicht einmal Mrs. Plummer immun gegen die tödliche Sucht der Frauen nach Liebe.
Caleb Hesketh rief an, als Romy schon im Aufbruch zum Fitzroy war. Sie überlegte, ob sie ihn abwimmeln sollte, schlug ihm dann aber vor, einfach ins Pub zu kommen. Ihr Stolz verlangte, daß er sie endlich einmal von einer etwas kultivierteren Seite kennenlernte. Bisher hatte er sie immer nur im schlechtesten Licht erlebt, wenn sie entweder
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