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Das erste Schwert

Titel: Das erste Schwert Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Anna Kashina
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Zweitschlüssel
     der Dienstmagd. Somit sollte es nach menschlichem Ermessen eigentlich niemandem in dieser Burg mehr gelingen, sein Schlafgemach
     zu betreten – obwohl der Zwischenfall mit dem Bewahrer Egey Bashi am Vorabend des Hohen Konzils selbst jene schlichte Wahrheit
     ein wenig fragwürdig machte.
    Wie auch immer – in letzter Konsequenz stand es in keines Menschen Macht, einen Meuchelmörder daran zu hindern, jenseits dieser
     vor ihm liegenden Korridorbiegung zu lauern. Genaugenommen boten sich jene Stützpfeiler, auf der die gewölbte Decke ruhte,
     geradezu ideal für einen Hinterhalt an.
    Evan fröstelte. Die lange Gefangenschaft in diesem Gemäuer machte ihn paranoid. Insbesondere seit die Nachricht von Ellitands
     Flucht aus der Kronstadt die Runde gemacht hatte, veränderte er sich mehr und mehr. Der Hochgebieter Daemur auf freiem Fuße,
     dazu dessen wohlbekannte Aversion gegen einen Erben aus der Blutlinie des bisherigen Thronherrn – und selbst ein mit weit
     weniger Phantasie gesegneter Mensch als er vermochte sich auszurechnen, dass nunmehr |486| das Leben der beiden anderen königlichen Herzöge gerade noch den Wert eines einigermaßen gut gefüllten Geldbeutels hatte.
    Andererseits – falls jene Gerüchte, Ellitand sammle eine Armee um sich und gedenke damit gegen die Kronstadt zu ziehen, der
     Wahrheit entsprachen, und falls der hier und da tuschelnd geäußerte Verdacht, Shayil Yara stehe hinter dem Seengebieter, auch
     nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach, dann hatte Hochgebieter Daemur wahrlich Wichtigeres zu tun als die Ermordung seines
     kinderlosen Freundes aus Jugendtagen und heutigen Widersachers in die Wege zu leiten. Und doch   ... Unter den vielen Charaktereigenschaften, für welche der Seengebieter bekannt war – Sentimentalität fand sich gewiss nicht
     an oberster Stelle jener Liste.
    Inzwischen war Evan stehen geblieben; er spielte mit dem Gedanken, nach den Wachen zu rufen – und verwarf ihn rasch wieder.
     Er dachte nicht daran, seinen beginnenden Irrsinn zum Gesprächsthema der ganzen Burg zu machen! Davon abgesehen: Kein Meuchelmörder,
     der auch nur einigermaßen recht bei Verstand war, würde auf seinem Posten ausharren, wenn sein Opfer beizeiten Zeter und Mordio
     schrie. Er würde sich zurückziehen und geduldig einer günstigeren Gelegenheit harren. Und den Sturmgebieter Evan Dorn damit
     der Lächerlichkeit preisgeben. Doch der Gedanke, Belustigung in den Augen seiner Wachen zu sehen, war ihm einfach unerträglich.
    So umfasste er nun, froh, dass er sich nach der Heimsuchung durch jenen Egey Bashi dazu durchgerungen hatte, stets eine zweckmäßige
     Waffe bei sich zu tragen, den Griff seines Ahnherrn-Schwertes. Wer auch immer dort in den Schatten jenseits des Pfeilers ausharrte,
     er würde erfahren, wie ein Dorn, letzter in einer stolzen, altehrwürdigen Reihe wahrer Krieger, sich seiner Haut zu erwehren
     verstand. Vorausgesetzt natürlich, es war kein Majat, der sich dort gegen die eisige Wand drückte.
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Kein Majat.
    Mit zwei, drei katzenhaft-federnden Schritten überwand er die Distanz bis zur Korridorbiegung und war jederzeit bereit, die
     Klinge blankzuziehen. Er spürte – irgendjemand war dort; irgendjemand stand unmittelbar hinter der Wölbung des Pfeilers in
     den Schatten.
    Wartend.
    Evan zog das Schwert; ein letzter Sprung, eine geschmeidige Drehung, um zu sehen, was oder wen auch immer es hier zu sehen
     gab – und sich ihm zu stellen.
    Eine schwarz gekleidete Gestalt prallte gegen ihn, eine tief ins Gesicht gezogene Kapuze bauschte sich, als sei das darunterliegende
     Dunkel genau in diesem Moment lautlos explodiert. Dann – eine nur allzu bekannte Stimme: »Eure Erhabenheit!« Ein solches Übermaß
     an Überraschung lag in diesen beiden Worten seines Hauspriesters Pavlos, dass Evan Dorn ihnen geradezu gebannt nachlauschte.
     Nie hätte er diesen Mann überhaupt einer wie auch immer gearteten Gefühlsregung für fähig gehalten!
    Rasch genug fing Evan sich. »Vergebt mir, Heiliger Bruder!«, stieß er hervor und tat sein Bestes, den Priester wieder aufzurichten
     und ihm den uralten Staub dieses
Steinhaufens
von einer Burg von der schwarzen Robe zu klopfen.
    »Es war meine Schuld, Eure Erhabenheit«, betonte Bruder Pavlos unterwürfig. »Diese steinernen Irrgänge sind allesamt viel
     zu dunkel und verwinkelt. Zu leicht fällt es da, sich ohne Absicht an jemanden anzuschleichen.«
    Evan wandte den Kopf und besah sich die Nischen

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