Das Familientreffen
– ein dreckiges Lachen, als hätten wir uns über Sex unterhalten.
Tom steht neben mir. Ihm gefällt das alles. Ich drehe mich um und mache eine Abschiedsgeste in Richtung Onkel Val, der gerade ziemlich gespenstisch von Mrs Cluny abgeführt wird, bei der er übernachten soll. Als Ciara Anstalten macht zu gehen, organisiert Tom ihre Wickeltasche und fängt Brandon, ihren Hosenmatz, ein. Dann treibt er wieder auf mich zu. Er sagt: »Weißt du noch, als du mit Rebecca schwanger warst und nicht zum Friedhof mitkommen wolltest – wessen Begräbnis war das noch gleich? Jedenfalls hast du gesagt, du wolltest nicht hingehen, weil das Kind Klumpfüße kriegen würde.«
» Cam reilige .«
»Wie bitte?«
»So heißt das. Auf Irisch.«
»Du bist vielleicht ein komischer Vogel«, sagt er.
»Ja«, sage ich. »Zum Schreien komisch.«
Cam reilige , irisch für die Krümmung des Friedhofs .
Da lasse ich ihn stehen und spüre noch einmal den Schatten eines Kindes in mir, spüre, wie in meinem Bauch die Zukunft herabstößt, schwarz und offen.
Ich lege die Hand auf meinen Bauch. Fast ist es wie eine Wehe.
»Jedenfalls hat’s geklappt«, sagt Tom, noch immer an meiner Schulter. »Sie hat ein hübsches Paar Stelzen.«
Das brauchst du mir nicht zu erzählen. Ich drehe mich um und will es schon laut rufen: »Das brauchst du mir nicht zu erzählen«, doch statt meines Mannes sehe ich nur die sich öffnende Rundung seines Auges. Falls wir uns ein weiteres Kind wünschen – jetzt wartet es auf uns. Ich kann es beinahe sehen. Insofern hat nicht allein er daran Schuld, an dem Sex, zu dem es später kommt. Und es ist auch nicht ausschließlich seine Schuld, dass ich den Sex, soweit ich das überhaupt kann, nicht genieße.
Jetzt nickt er mir erst einmal zu. »Ich nehm die Kinder. Bleib du nur. Komm halt irgendwann nach Hause.«
»Warte nicht auf mich«, sage ich.
Und er sagt: »Vielleicht doch.«
Tatsächlich war es das Begräbnis meiner Schwester Midge, und ich war wahnsinnig in die Breite gegangen. Meine Nichte Karen war einen Monat vor mir niedergekommen, im Alter von zweiundzwanzig. Ich weiß noch, wie ich in der Kirche saß und das winzige feuchte Baby betrachtete, das, ein weißes Haarband auf dem kleinen neuen Kopf, an der Schulter ihrer Mutter schnurrte. Jetzt ist Anuna – alle Enkel von Midge haben alberne Namen – mit einem teuren roten Bauschmantel angetan, ein Feger von einem Mädchen mit den gefürchteten Hegarty-Augen, kalt und wild und blau.
»Gute Nacht, Karen. Gib gut auf sie acht.«
Jetzt schießen sie einander Blicke zu, quer durchs Zimmer, von Blau zu Blau. Fremde und Komparsen verabschieden sich. Bea hievt Mammy aus ihrem Sessel.
»Du bist sehr müde, Mammy.«
»Ja.«
»Komm, ich bring dich nach oben.«
»Ja.«
»Deine Tasse Tee bring ich dir hoch.«
Aber da ist noch etwas, das sie erledigen will, bevor sie nach oben geht. Mammy entwindet sich Beas Griff und kommt herüber an den Tisch. Sie legt beide Hände auf das Holz, sodass alle wissen, dass sie verstummen müssen. Mit ihrer sanft-süßen Stimme sagt sie: »Er wäre auf euch alle so stolz gewesen.« Wir wissen, dass sie nicht Liam meint, sondern unseren Vater. Sie hat die Begräbnisse verwechselt. Entweder das, oder alle Begräbnisse sind für sie zu ein und demselben geworden.
»Er ist es«, sagt sie mit schrecklicher Überzeugung. »Euer Daddy ist auf euch alle sehr stolz.«
Bea dreht sie um, damit sie aus dem Zimmer gehen können. »Nun lass gut sein, Mammy.«
»Gute Nacht«, sagt sie.
»Gute Nacht, Mammy«, plappern wir im Familienchor.
»Bis morgen.«
»Schlaf schön, Mammy.«
»Ruh dich aus.«
»Gute Naa-acht«, und alle geraten aus dem Takt, wie die ersten Regentropfen.
» Coladh sámh «, sagt Ernest an der Tür, sie dreht sich zu ihm, um sich von ihm segnen zu lassen, was mein Bruder – dieser verlogene, heuchlerische Hund von einem Expriester-Atheisten – ohne Zögern tut (noch dazu auf Irisch), und glücklich verlässt sie das Zimmer. Zumindest ist ihr Gesichtsausdruck »glücklich«. Glücklich. Sie ist zufrieden mit den Menschen, die sie erschaffen hat. Sie ist glücklich.
Als sie gegangen ist, schweigen wir einen Moment lang. Mossie setzt sich. Ita nimmt einen Schluck von ihrem Wasser, dann zucken ihre Mundwinkel ganz nach unten, eine Reaktion auf das stumme Zwiegespräch, das sie mit sich selbst führt. Kitty zündet sich eine Kippe an, was alle leicht verärgert. Und ich denke: Ich habe Mammy nie die Wahrheit
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