Das Flammende Kreuz
Ertrinken sei ein leichter Tod, als schliefe man ein. War er im Begriff, allmählich in eine verräterische, endgültige Entspannung zu sinken, während er sich dem verführerischen Dunkel anheimgab?
Er fuhr zusammen und ruderte mit den Armen, um sich umzudrehen und an die Oberfläche zu gelangen. Der Schmerz durchbarst seine Brust und brannte in seiner Kehle; er versuchte zu husten und konnte es nicht, versuchte, Luft zu schlucken, und fand keine, prallte gegen etwas Festes...
Etwas ergriff ihn, hielt ihn still. Ein Gesicht tauchte über ihm auf, ein verschwommener Hautfleck, eine Flammenmasse aus rotem Haar. Brianna? Der Name kam in seinen Kopf geschwebt wie ein leuchtender Ballon. Dann schärfte sich sein Blick ein wenig, und er sah ein kantigeres, kraftvolleres Gesicht. Jamie. Der Name hing vor ihm in der Luft, doch er kam ihm irgendwie beruhigend vor.
Druck, Wärme... eine Hand umfasste seinen Arm, eine andere legte sich auf seine Schulter und drückte fest zu. Er kniff die Augen zu, und sein verschwommenes Blickfeld klärte sich allmählich. Er spürte keine Luftbewegungen in Mund oder Nase, sein Hals saß zu, und seine Brust brannte immer noch, aber dennoch atmete er; er spürte jede Bewegung der kleinen, wunden Muskeln zwischen seinen Rippen. Er war nicht ertrunken; es schmerzte viel zu sehr.
»Du lebst«, sagte Jamie. Blaue Augen starrten gebannt in die seinen, so nah, dass er warmen Atem in seinem Gesicht spürte. »Du lebst. Du bist unversehrt. Alles ist gut.«
Geistesabwesend untersuchte er diese Worte, wendete sie wie eine Hand voll Kieselsteine, spürte ihr Gewicht in der Handfläche seines Verstandes.
Du lebst. Du bist unversehrt. Alles ist gut.
Ein vager Trost überkam ihn. Dies schien alles zu sein, was er im Augenblick wissen musste. Alles andere konnte warten. Die wartende Schwärze stieg wieder auf, einladend wie ein weiches Sofa, und er ließ sich dankbar
darauf niedersinken, während ihm die Worte wie einzeln gezupfte Harfentöne in den Ohren klangen.
Du lebst. Du bist unversehrt. Alles ist gut.
71
Ein schwacher Funke
»Mrs. Claire?«
Es war Robin MacGillivray, der sich im Zelteingang herumdrückte. Sein dunkles, drahtiges Haar stand von seinem Kopf ab wie eine Flaschenbürste. Er sah aus wie ein gehetzter Waschbär, denn rings um seine Augen war die Haut zwar von Schweiß und Ruß befreit, der Rest jedoch war immer noch vom Rauch der Schlacht geschwärzt.
Bei seinem Anblick erhob sich Claire sofort.
»Komme.« Sie war schon auf den Beinen, hatte ihre Ausrüstung in der Hand und hielt auf den Eingang zu, bevor Brianna etwas sagen konnte.
»Mutter!« Es war nicht mehr als ein Flüstern, doch der panische Tonfall ließ Claire herumfahren, als sei sie auf den Drehteller eines Plattenspielers getreten. Ihre bernsteinfarbenen Augen hefteten sich kurz auf Briannas Gesicht, huschten zu Roger hinüber, dann wieder zu ihrer Tochter.
»Achte auf seine Atmung«, sagte sie. »Pass auf, dass das Röhrchen nicht verstopft. Gib ihm etwas Honigwasser, wenn er so weit bei Bewusstsein ist, dass er es schlucken kann. Und berühre ihn. Er kann den Kopf nicht wenden, um dich zu sehen; er muss wissen, dass du da bist.«
»Aber -« Brianna verstummte; ihr Mund war zu trocken zum Sprechen. Bleib hier!, hätte sie am liebsten gerufen. Lass mich nicht allein! Ich kann ihn nicht am Leben halten, ich weiß nicht, was ich tun soll!
»Sie brauchen mich«, sagte Claire ganz sanft. Sie wandte sich mit flüsternden Röcken zu Robin um, der auf sie wartete, und verschwand im Zwielicht.
»Ich etwa nicht?« Briannas Lippen bewegten sich, doch sie wusste nicht, ob sie laut gesprochen hatte oder nicht. Es spielte keine Rolle; Claire war fort, und sie war allein.
Ihr war schwindelig, und sie merkte, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie atmete aus und wieder ein, langsam und tief. Die Angst war eine Giftschlange, die sich um ihr Rückgrat wand und ihr durch das Hirn glitt. Die nur darauf wartete, ihr die Fänge ins Herz zu senken. Sie holte noch einmal mit zusammengebissenen Zähnen Luft, packte die sich windende Schlange am Kopf, stopfte sie im Geiste in einen Korb und knallte den Deckel zu. So viel also zum Thema Panik.
Ihre Mutter wäre nicht gegangen, wenn unmittelbare Gefahr bestanden hätte, das redete sie sich zumindest ein - oder wenn sie noch irgendetwas Medizinisches hätte tun können. Also war für sie nichts mehr zu tun gewesen. Gab es irgendetwas, das sie tun konnte? Sie holte so tief Luft, dass
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