Das Flammende Kreuz
Ich stand eine Minute mit geschlossenen Augen da und erfreute mich am reibungslosen Heben und Senken meiner Brust, dem sanften Eindringen der Luft, ihrem reinigenden Ausströmen. Nachdem ich die letzten Stunden damit verbracht hatte, die Luft aus Isaiah Mortons Brust herauszuhalten und ihr Zugang zu Rogers Brust zu verschaffen, wusste ich das Privileg zu schätzen. Keiner der beiden würde in der nächsten Zeit auch nur einen Atemzug tun, ohne dabei Schmerzen zu haben - doch sie atmeten, alle beide.
Sie waren die letzten Patienten, die mir noch verblieben waren; die anderen Schwerverwundeten waren alle von den Ärzten ihrer eigenen Kompanien eingefordert oder zum Zelt des Gouverneurs gebracht worden, um von dessen Leibarzt behandelt zu werden. Die leichter Verletzten waren zu ihren Kameraden zurückgekehrt, um mit ihren Narben anzugeben oder ihre Schmerzen mit Bier zu ertränken.
Ich hörte in der Ferne einen Trommelwirbel und blieb reglos stehen, um zu lauschen. Eine gesetzte Kadenz erklang, dann wurde es still. Es folgte ein kurzes Schweigen, in dem jede Bewegung zum Stillstand zu kommen schien, und dann das Dröhnen einer Kanone.
Ganz in meiner Nähe lagen die Lindsay-Brüder an ihrem Feuer ausgestreckt. Auch sie hatten beim Ertönen der Trommeln aufgeblickt.
»Was bedeutet das?«, rief ich ihnen zu. »Was geschieht dort?«
»Sie bahren die Toten auf, Mrs. Fräser«, rief Evan zurück. »Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, aye?«
Ich winkte ihnen zu, um ihnen zu versichern, dass ich mir auch keine Sorgen machte, und setzte mich in Richtung Fluss in Bewegung. Die Frösche sangen im Diskant zu den fernen Trommeln. Volle militärische Ehren für die Gefallenen der Schlacht. Ich fragte mich, ob man die gehängten Rädelsführer an derselben Stelle begraben würde, oder ob man ihnen ein separates, weniger ehrenvolles Grab am Rande bereiten würde, sofern ihre Familien sie nicht an sich nahmen. Selbst einen Feind den Fliegen zu überlassen, war nicht Tyros Art.
Er wusste inzwischen mit Sicherheit Bescheid. Würde er kommen, um sich für seinen Fehler zu entschuldigen? Was für eine Entschuldigung konnte es schließlich geben? Dass Roger noch lebte, war nur einer Laune des Schicksals und einem unbenutzten Seil zu verdanken.
Und es war immer noch möglich, dass er starb.
Wenn ich Isaiah Morton die Hand auflegte, konnte ich spüren, wie das Geschoss in seiner Lunge brannte - aber ich konnte auch spüren, dass sein leidenschaftlicher Wille, trotzdem zu leben, noch heißer brannte. Wenn ich Roger die Hand auflegte, spürte ich es ebenfalls brennen... doch es war nur ein schwacher Funke. Ich lauschte dem Pfeifen seines Atems, und vor meinem inneren Auge sah ich verkohltes Holz, an dem nur noch eine winzige, weißglühende Stelle aufleuchtete, die jederzeit zitternd zu verlöschen drohte.
Zunder, dachte ich völlig absurderweise. Das war es, was man mit einem Feuer machte, das auszugehen drohte. Man blies den Funken an - doch es musste etwas da sein, woran sich der Funke entzünden konnte, um sich zu nähren und zu wachsen.
Ich hörte das Knarren von Wagenrädern und blickte von meiner Betrachtung eines Riedbüschels auf. Es war ein kleiner, einspänniger Wagen, der von einem einzelnen Mann gefahren wurde.
»Mrs. Fraser? Seid Ihr das?«
Es dauerte einen Augenblick, bis ich die Stimme erkannte.
»Mr. MacLennan?«, fragte ich erstaunt.
Er kam neben mir zum Halten und tippte sich an den Hut. Im Licht der Sterne war das Gesicht unter der Krempe verschwommen und ernst.
»Was macht Ihr denn hier?«, fragte ich mit gesenkter Stimme und trat dicht an den Wagen heran, obwohl niemand in der Nähe war, der mich hätte hören können.
»Ich wollte Joe suchen«, erwiderte er und wies mit einer kleinen Kopfbewegung auf die Ladefläche des Wagens. Ich hätte nicht so schockiert sein sollen; ich hatte den ganzen Tag Tod und Vernichtung vor Augen gehabt, und Joe Hobson war nicht mehr als ein flüchtiger Bekannter gewesen. Doch ich hatte nicht gewusst, dass er tot war, und die Haare auf meinem Unterarm sträubten sich.
Ohne ein weiteres Wort trat ich zum hinteren Ende des Wagens. Ich spürte, wie ein kleiner Ruck durch das Holz ging, als Abel die Bremse zog und abstieg, um zu mir zu treten.
Die Leiche war nicht verhüllt, wenn ihr auch jemand ein großes, einigermaßen sauberes Tuch über das Gesicht gelegt hatte. Darauf saßen reglos drei dicke Fliegen. Es nützte zwar nichts, doch ich verscheuchte sie mit meinem
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