Das Flammende Kreuz
gefüllt, schwollen jedoch nicht länger so schmerzhaft an, seit er angefangen hatte, feste Nahrung zu sich zu nehmen, und seine nimmersatten Anforderungen an ihren Körper daher nachgelassen hatten.
Sie würde Jemmy stillen und ihn hinlegen und dann ihr verspätetes Abendessen in der Küche zu sich nehmen. Sie hatte nicht mit den anderen zusammen
gegessen, weil sie das Abendlicht ausnutzen wollte, und ihr Magen knurrte leise, als jetzt die Essensdüfte in der Luft die adstringierenden Gerüche von Terpentin und Leinöl verdrängten.
Und dann... dann würde sie hinauf zu Roger gehen. Bei diesem Gedanken presste sie die Lippen zusammen; sie merkte es und zwang ihren Mund, sich zu entspannen, indem sie die Luft mit einem lauten Geräusch ausblies, das an ein Motorboot erinnerte.
In diesem unpassenden Augenblick steckte Phoebe Sherston ihren Kopf samt Haube durch die Tür. Sie kniff kurz die Augen zu, besaß jedoch die guten Manieren so zu tun, als hätte sie nichts gehört.
»Oh, meine Liebe, da seid Ihr ja! Kommt doch eine Minute in den Salon, ja? Mr. und Mrs. Wilbur würden so gern Eure Bekanntschaft machen.«
»Oh - nun ja, natürlich«, sagte Brianna so freundlich wie möglich. Sie wies auf ihren farbverschmierten Kittel. »Ich will mich nur eben umziehen -«
Mrs. Sherston tat den Kittel mit einer Handbewegung ab, da sie offensichtlich mit ihrer zahmen Künstlerin in voller Montur angeben wollte.
»Nein, nein, macht Euch deswegen keine Gedanken. Wir sind heute Abend alle nicht groß herausgeputzt. Es wird niemanden stören.«
Brianna trat einen widerstrebenden Schritt auf die Tür zu.
»Na gut. Aber nicht lange; ich muss Jemmy ins Bett bringen.«
Bei diesen Worten verzog sich Mrs. Sherstons Rosenknospenmund sacht; sie sah keinen Grund, warum sich ihre Sklaven nicht ganz um das Kind kümmern konnten - doch sie hatte Briannas Meinung zu diesem Thema schon öfter zu hören bekommen und war so klug, sie nicht weiter zu bedrängen.
Briannas Eltern waren auch im Salon, zusammen mit den Wilburs, die sich als nettes, älteres Ehepaar entpuppten. Sie zeigten sich angemessen begeistert über ihr Erscheinen, beharrten höflich darauf, das Porträt zu sehen, drückten sowohl dem Sujet als auch der Malerin ihre tiefste Bewunderung aus - wenn sie auch angesichts des Ersteren kurz die Augen zusammenkniffen - und behandelten sie ganz allgemein mit solcher Freundlichkeit, dass sie spürte, wie sie sich allmählich entspannte.
Sie war schon im Begriff, sich zu entschuldigen, als Mr. Wilbur eine Gesprächslücke nutzte, um sich mit einem wohlwollenden Lächeln an sie zu wenden.
»Ich höre, man darf Euch zu Eurem Glück gratulieren, Mrs. MacKenzie?«
»Oh? Äh... danke«, sagte sie, ohne so recht zu wissen, wozu man ihr gratulierte. Sie warf ihrer Mutter einen hilfesuchenden Blick zu; Claire verzog kaum merklich das Gesicht und sah Jamie an, der aufhustete.
»Gouverneur Tryon hat deinem Mann fünftausend Acres im Hinterland überschrieben«, sagte er. Seine Stimme war gleichmütig und beinahe tonlos.
»Hat er das?« Sie war plötzlich verwirrt. »Was -warum?«
Es folgte ein Moment allgemeiner Verlegenheit, und die Sherstons und die Wilburs warfen sich unter leisem Räuspern eheliche Blicke zu.
»Kompensation«, sagte ihre Mutter knapp, während sie Jamie ihrerseits einen ehelichen Blick zuwarf.
Jetzt verstand Brianna; niemand würde so ungehobelt sein und Rogers irrtümliche Hinrichtung offen erwähnen, doch sie gab eine viel zu sensationelle Geschichte ab, als dass sie sich nicht in der feinen Gesellschaft von Hillsborough herumgesprochen hätte. Sie begriff plötzlich, dass auch Mrs. Sherstons Einladung an ihre Eltern und Roger möglicherweise nicht nur durch Freundlichkeit motiviert gewesen war. Den Gehängten als Gast im Haus zu haben, würde den Sherstons die Aufmerksamkeit ganz Hillboroughs sichern - was sogar noch besser war als die Anfertigung eines unkonventionellen Porträts.
»Ich hoffe doch, dass es Eurem Gatten besser geht, meine Liebe?«, überbrückte Mrs. Wilbur taktvoll die Lücke in der Unterhaltung. »Wir haben mit großem Bedauern von seiner Verletzung gehört.«
Verletzung. Eine umsichtigere Beschreibung der Situation war kaum denkbar.
»Ja, es geht ihm viel besser, danke«, sagte sie und lächelte, so knapp es die Höflichkeit zuließ, bevor sie sich wieder an ihren Vater wandte.
»Weiß Roger davon? Von dem Land?«
Er sah sie an, dann wandte er den Blick ab und räusperte sich.
»Nein.
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