Das Flammende Kreuz
getan hatte. Wärme durchströmte sie, und ihr Inneres kribbelte von den Brüsten bis zum Bauch. Weil ihr das Blut in die Wangen stieg, wandte sie sich ab und ließ den Blick über die Nahrungsmittel auf dem Nachttisch schweifen.
Es gab kalte - mit Penizillin gespickte - Fleischbrühe in einer zugedeckten Schüssel, und daneben stand eine Flasche mit honiggesüßtem Tee. Sie ergriff den Löffel und zog fragend eine Augenbraue hoch, während ihre Hand über dem Tisch schwebte.
Er zog eine schwache Grimasse, wies jedoch kopfnickend auf die Brühe. Sie ergriff das Schälchen und setzte sich neben ihm auf den Hocker.
»Macht die Stalltür auf«, sagte sie fröhlich, während sie den Löffel auf seinen Mund zukreisen ließ, als wäre er Jemmy. »Hiiiier kommt das Pferdchen!« Er verdrehte entnervt die Augen.
»Als ich klein war«, sagte sie, ohne seinen finsteren Blick zu beachten, »haben meine Eltern Sachen gesagt wie: ›Hier kommt das Schleppboot, öffnet die Zugbrücke!< oder >Mach die Garage auf, hier kommt das Auto!‹. Aber diese Begriffe kann ich ja bei Jemmy nicht benutzen. Hat deine Mutter es mit Autos und Flugzeugen gemacht?«
Er verzog die Lippen, entschloss sich jedoch dann zu einem zaghaften Lächeln. Er schüttelte den Kopf, hob eine Hand und deutete zur Decke. Als sie den Kopf wandte, sah sie einen dunklen Fleck auf dem Putz - bei näherer
Betrachtung erkannte sie, dass es eine verirrte Biene war, die im Lauf des Tages hereingeflogen war und jetzt in der Dunkelheit schlief.
»Ach ja? Okay, hier kommt das Bienchen«, sagte sie leiser und schob ihm den Löffel in den Mund. »Bsss, bsss, bsss.«
Sie konnte nicht länger spielerisch tun, doch die Atmosphäre hatte sich ein wenig entspannt. Sie erzählte ihm von Jemmy, der ein neues Lieblingswort hatte - »Wagga« -, allerdings hatte noch niemand herausgefunden, was er damit meinte.
»Ich habe gedacht, es heißt vielleicht ›Katze‹, aber er nennt die Katze ›Mau-mau‹.« Sie strich sich mit dem Handrücken einen Schweißtropfen von der Stirn, dann tauchte sie den Löffel wieder ein.
»Mrs. Sherston sagt, er müsste eigentlich schon laufen«, sagte sie, den Blick fest auf seinen Mund geheftet. »Die Kinder ihrer Schwester sind natürlich beide mit einem Jahr gelaufen! Aber ich habe Mama gefragt; sie sagt, er macht sich prima. Sie sagt, Kinder laufen, wenn sie so weit sind, und das kann irgendwann zwischen zehn und achtzehn Monaten sein, aber normal sind ungefähr fünfzehn.«
Sie musste seinen Mund im Auge behalten, um mit dem Löffel zu zielen, doch ihr war bewusst, dass er sie beobachtete. Sie hätte ihm gern in die Augen gesehen, fürchtete sich aber beinahe vor dem, was sie in ihren dunkelgrünen Tiefen erblicken würde; würde es der Roger sein, den sie kannte, oder der stumme Fremde - der Gehängte?
»Oh -fast hätte ich es vergessen.« Sie unterbrach sich mitten in ihrer Beschreibung der Wilburs. Sie hatte es nicht vergessen, hatte aber auch nicht sofort mit der Nachricht herausplatzen wollen. »Pa hat heute Nachmittag mit dem Gouverneur gesprochen. Er - der Gouverneur, meine ich - überschreibt dir ein Stück Land. Fünftausend Acres.« Sie hatte die Worte noch nicht ausgesprochen, als ihr schon klar wurde, wie absurd das Ganze war. Fünftausend Acres Wildnis im Austausch für ein fast zerstörtes Leben. Das ›fast‹ kannst du streichen , dachte sie plötzlich, als sie Roger betrachtete.
Er sah sie stirnrunzelnd an, und seine Miene schien Verwunderung auszudrücken, dann schüttelte er den Kopf, legte sich auf das Kissen zurück und schloss die Augen. Er hob die Hände und ließ sie wieder sinken, als sei das jetzt einfach zu viel für ihn. Vielleicht war es das ja auch.
Sie stand auf und beobachtete ihn schweigend, doch er öffnete die Augen nicht. Zwischen seinen Augenbrauen waren tiefe Falten.
Weil sie ihn einfach berühren musste, um das Schweigen zu überbrücken, zeichnete sie den Schatten der Prellung nach, der über seinem Wangenknochen lag, und ihre wandernden Finger berührten sacht seine Haut.
Sie konnte die seltsam verschwommenen Umrisse des Blutergusses sehen, konnte beinahe das dunkel geronnene Blut unter seiner Haut sehen, wo die Kapillargefäße geborsten waren. Die Stelle wurde allmählich gelb; ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass die Leukozyten des Körpers an den Ort einer Verletzung
eilten, um dort die verletzten Zellen abzubauen und dann ganz ökonomisch das ausgeströmte Blut zurückzuschleusen; die
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