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Das Flammende Kreuz

Titel: Das Flammende Kreuz Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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fuhr schuldbewusst zusammen und schloss ihr Notizbuch. Sie
stand auf und verbarg es hinter einem Zinnteller, der an der Rückseite der Anrichte aufrecht an der Wand lehnte.
    »Es ist fertig«, sagte sie hastig. »Ich muss nur - ich hole die Milch.« Sie verschwand mit wehenden Röcken in der Vorratskammer.
    Roger lagerte Jemmy um, bekam sich wieder in den Griff und hob den kleinen, festen Körper des Jungen an seine Schulter, obwohl sich seine Arme wie gekochte Nudeln anfühlten. Jemmy schlief tief und fest, hatte aber den Daumen nach wie vor fest im Mund stecken.
    Rogers Daumen war speichelnass, und er spürte, wie er vor Verlegenheit rot wurde. Himmel, hatte sie ihn etwa so gezeichnet? Zweifellos; sie musste ihn beim Daumenlutschen gesehen und es »süß« gefunden haben; es wäre nicht das erste Mal, dass sie ihn in einer Position zeichnete, die er als kompromittierend empfand. Oder hatte sie wieder Träume aufgeschrieben?
    Er legte Jemmy sanft in seine Wiege, strich die feuchten Brotkrumen von der Bettdecke und rieb sich im Stehen mit den Fingern der anderen Hand die wunden Fingerknöchel. Aus der Vorratskammer kamen Gluckergeräusche. Er trat leise zur Anrichte und zog das Buch aus seinem Versteck hervor. Skizzen, keine Träume.
    Es waren nur ein paar rasche Linien, die Essenz einer Skizze. Ein Mann, der todmüde und dennoch wachsam war; den Kopf auf eine Hand gestützt, den Hals vor Erschöpfung zur Seite gelegt - den freien Arm fest um ein geliebtes, hilfloses Geschöpf geklammert.
    Sie hatte der Skizze eine Überschrift gegeben. En garde stand dort in ihrer schrägen, gezackten Schrift.
    Er schloss das Buch und ließ es wieder hinter den Teller gleiten. Sie stand in der Tür der Vorratskammer, den Milchkrug in der Hand.
    »Komm und iss«, sagte sie sanft und sah ihm in die Augen. »Du brauchst deine Kraft.«

88
    Roger kauft ein Schwert
    Cross Creek
    November 1771
    Er hatte schon öfter Breitschwerter aus dem achtzehnten Jahrhundert in der Hand gehabt; weder das Gewicht noch die Länge der Waffe überraschten ihn. Der Korb um den Knauf war leicht verbogen, aber nicht so sehr, dass er seine Hand nicht mehr in den Griff schieben konnte. Auch das hatte er schon
öfter getan. Allerdings war es etwas vollkommen anderes, ob man einen antiken Gegenstand ehrfürchtig in eine Museumsvitrine legte, oder ob man ein Stück geschärftes Metall in der bewussten Absicht ergriff, es in einen menschlichen Körper zu rammen.
    »Es ist etwas mitgenommen«, hatte Fraser zu ihm gesagt und dabei kritisch an der Klinge entlanggeblickt, bevor er es Roger reichte, »aber die Klinge ist gut ausbalanciert. Versuch einmal, wie es sich anfühlt, ob du damit zurechtkommst.«
    Er kam sich wie ein Vollidiot vor, als er jetzt die Hand in den Korb schob und eine Fechtposition einnahm, die von seinen Erinnerungen an alte Errol-Flynn-Filme inspiriert war. Sie standen in der belebten Gasse vor der Schmiede in Cross Creek, und ein paar Passanten blieben stehen, um zuzusehen und ihre hilfreichen Kommentare anzubieten.
    »Was will Moore denn für das verbeulte Ding haben?«, fragte jemand abfällig. »Alles über zwei Shilling wäre Straßenräuberei.«
    »Das ist ein gutes Schwert«, sagte Moore über die Halbtür seiner Werkstatt gebeugt und funkelte den Sprecher an. »Ich habe es von meinem Onkel, der in Fort Stanwyck gedient hat. Diese Klinge hat haufenweise Franzosen umgebracht, und sie hat nicht die geringste Delle.«
    »Nicht die geringste Delle!«, rief der Ankläger. »Mensch, das Ding ist so verbogen, dass du einem Mann, den du aufspießen willst, eher das Ohr abschneidest!«
    Das Gelächter der wachsenden Zuschauermenge übertönte die Antwort des Schmieds. Roger senkte die Schwertspitze und hob sie dann langsam. Wie zum Teufel machte man einen Praxistest mit einem Schwert? Sollte er es hin und her schwenken? Irgendetwas damit aufspießen? Ein kleines Stück weiter stand ein Karren auf der Straße, der mit Jutesäcken beladen war- dem Geruch nach enthielten sie Rohwolle.
    Er sah sich nach dem Besitzer der Säcke um, konnte ihn aber in der Menge nicht ausmachen; das kräftige Zugpferd vor dem Karren war unbeaufsichtigt, und seine Ohren zuckten schläfrig über den hängenden Fahrleinen.
    »Ah, wenn der junge Mann ein Schwert sucht, hat Malachy McCabe noch ein besseres aus seiner Soldatenzeit. Ich glaube nicht, dass er mehr als drei Shilling dafür haben will.« Der Schuster von der anderen Straßenseite spitzte die Lippen und wies mit

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