Das Geheimnis des Templers - Collector's Pack
vorgab.
„Eigentlich solltest du wissen, dass es den wenigsten Menschen vergönnt ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“, erwiderte er leise.
„Und doch ist es möglich, wenn man es will. Erzähl mir nicht, dass es da nie jemanden gab, mit dem du es dir wenigstens hättest vorstellen können, eine Familie zu gründen.“
Gero schluckte schwer und beschloss, sich ein fünftes Glas einzuschenken.
Was sollte er dazu sagen? Dass er als Zweitgeborener eines Edelfreien keine Chance gehabt hatte, sich dem Willen seines Vaters zu widersetzen? Dass er es trotzdem getan hatte, mit all den schrecklichen Konsequenzen? Der Wein machte seinen Kopf schwer und seine Zunge leicht, und er beschloss, warum auch immer, dieser Frau sein Herz auszuschütten.
„Doch, es gab eine Frau, die ich mehr als alles auf der Welt geliebt habe, und ein gemeinsames Kind“, erklärte er schlicht. „Aber durch meine Schuld sind sie beide gestorben.“
„Heilige Maria“, flüsterte Warda voller Anteilnahme. „Was ist geschehen?“
Sein Blick lag auf ihrem schönen Gesicht. Ihre beeindruckenden Augen vermittelten ihm ehrliches Interesse, was ihn weich werden ließ und alles Misstrauen hinwegfegte.
„O mein Gott“, flüsterte sie, als er seinen Bericht mit den Worten beendete: „Ich bin hier, um für meine Sünden zu büßen, und werde Elisabeth eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages im Paradies wiederfinden.“
Plötzlich kullerten ihr ein paar Tränen über die Wangen. „Mir tut leid, was ich vorher zu dir gesagt habe. Du hast alles versucht, um glücklich zu werden. Aber der Allmächtige hatte offenbar andere Pläne.“
„Du musst wegen mir nicht weinen“, sagte er mit schwerer Zunge und ergriff ihre Hand. „Ich habe selbst schon genug geweint. Es bringt die Toten nicht wieder zurück.“ Er reichte ihr das Tischdeckchen, damit sie sich die Nase und den schwarzen Khol, der ihre Lider umrandete und verlaufen war, von den Wangen putzen konnte. Schniefend lehnte sie ab und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht.
„Möchtest du nicht doch für einen Moment mit nach oben kommen?“, fragte sie und entfernte mit den Fingerspitzen die letzten feuchten Stellen unter ihren Augen. „Ich muss ja schrecklich aussehen. Dort habe ich Wasser, um die verlaufene Schminke abzuwaschen, und ein Leinentuch, und außerdem ist es in meinem Zimmer gemütlicher.“
Gero stockte einen Moment und sah sie aus schmalen Lidern an.
„Nicht, was du denkst“, sagte sie, als könne sie Gedanken lesen, und lächelte. „Ich tue dir nichts, versprochen. Ich habe viel zu viel Respekt vor deiner verstorbenen Frau. Ich würde ihr niemals den Mann abspenstig machen wollen, zumal er sie immer noch so sehr liebt.“
Gero sah selbst ein, wie albern seine Befürchtungen waren. Außerdem war er Herr seiner selbst und sie nur eine Frau und damit nicht kräftig genug, um ihn zu etwas zu zwingen, was er nicht wollte.
Warda stand auf, nahm einen brennenden Leuchter vom Tisch und ging voran. Die Schankstube hatte sich vollends geleert, selbst Mafalda hatte sich offenbar mit einem Gast zurückgezogen. Gero erhob sich wankend und folgte seiner neuen Bekanntschaft mit unsicheren Schritten die Treppe hinauf.
Einen Moment lang flackerte ein hartnäckiger Zweifel in ihm auf, ob er das Richtige tat, aber es war ja nicht so, dass es verboten war, mit einer gefallenen Frau eine harmlose Unterhaltung zu führen. Selbst Jesus hatte mit Huren geredet.
„Du bist der erste Mann, der mich seit langem zum Weinen gebracht hat“, gestand Warda mit schlechtem Gewissen. Sie hatte keine Ruhe gegeben, und er hatte sich ihr mit unverhohlener Aufrichtigkeit offenbart.
Selbst als sie vor ihrer Kammer standen und sie einen großen Schlüssel im Türschloss herumdrehte, spürte sie noch die Trauer, die seine furchtbare Geschichte in ihr hinterlassen hatte.
„Soll ich das als Kompliment werten?“, fragte er mit verwaschener Stimme, wobei er sich leicht schwankend am Türrahmen abstützte und ihr dabei so nahe kam, dass sie seinen weingeschwängerten Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte.
„Ja“, sagte sie und ließ ihm den Vortritt. „Es tut mir leid, dass ich so taktlos war.“ So, wie er dastand, verstört und immer noch voller Trauer, hätte sie ihn am liebsten umarmt und sogleich in ihr Bett gezerrt. Doch sie hatte ihm versprochen, sittsam zu sein.
Kaum, dass sie ihre Kammer betreten hatten, zündete sie mit der Kerze in ihrer Hand zwei weitere Kerzen auf
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