Das Geheimnis des Templers - Collector's Pack
dass sie sich nun als Folge daraus in einem Freudenhaus verdingte. Irgendwie fühlte er sich dazu berufen, noch einmal mit ihr zu reden, um sie von einem gottgefälligeren Leben zu überzeugen. Das war er ihr schuldig. Und nicht nur ihr, sondern auch sich selbst – und natürlich dachte er auch an Lissy, die er, ohne es wirklich zu wollen, mit Warda betrogen hatte. Gero war bestimmt kein Moralapostel, aber seit Lissys Tod war er sich mit einem Schlag der Verantwortung bewusst, die er gegenüber jedem Menschen trug, mit dem er in Berührung kam. Er wollte niemandem mehr Schaden zufügen. Es sei denn, es ging um die Verteidigung des Christentums oder das Leben ihm anvertrauter Menschen.
Als er und Fabius das Dormitorium erreichten, herrschte bereits die übliche Aufregung, wie immer, wenn ihnen der Kommandeur Ausgang bis zur Frühmesse erteilt hatte. Voraussetzung war ihre vorherige Teilnahme an der abendlichen Vespermesse. Die nächtliche Matutin war ihnen, wie zu diesem Anlass üblich, erlassen worden.
Die anderen Novizen hatten seit jenem verhängnisvollen Tag, an dem Gero und Fabius dummerweise Hugo d’Empures gefolgt waren, bereits vier weitere freie Abende genießen dürfen, die den Ordensrittern und bei guter Führung auch den Novizen alle zwei Wochen freitags gewährt wurden. Meistens traf man sich in ziviler Kleidung zu mehreren Brüdern in einer Taverne in der Stadt, trank etwas und versuchte auf diese Weise, für ein paar Stunden dem schwierigen Schweigegebot und allen Schwernissen zu entkommen, die der Alltag in einem Ritterorden mit sich brachte. Es war ein Entgegenkommen des Ordens in Friedenszeiten, das die Härte in Kriegszeiten ausgleichen sollte. Eine Vorgehensweise, die bisweilen zu Kritik in den Reihen der nicht kämpfenden Ordensgemeinschaften führte. Man zweifelte an Moral und Sitte der Templer. Es hieß, nicht wenige von ihnen seien dem Suff verfallen und es mangele ihnen, wenn sie sich unter normalen Menschen bewegten, an der ihnen sonst üblichen Ordnung und an Anstand. Aber auch die Hospitaliter des heiligen Johann und die Deutschordensritter erlaubten ihren Ordensbrüdern ab und an privaten Ausgang.
Dass Ordensritter keine gewöhnlichen Mönche waren, die sich nur in Beten und Arbeiten ergingen, hatte nicht erst Jacques de Molay erkannt, der ansonsten streng auf die Einhaltung der Regeln pochte. Wenn man die Männer motivieren wollte, notfalls für den Orden und seine Interessen zu sterben, war es wichtig, sie von Zeit zu Zeit von der Kette ihrer strengen Vorschriften zu befreien, wenn auch nicht allzu lange. Davon profitierten nun auch die Novizen, die sich aus freien Stücken für einen Orden entschieden hatten, der ihnen weit mehr abverlangte als nur das Leben.
„Hey, ihr beiden“, rief Arnaud de Mirepaux Gero und Fabius überschwänglich zu. „Wollt ihr uns nicht endlich verraten, wo ihr euch damals tatsächlich herumgetrieben habt? Jetzt, wo ihr wieder Ausgang habt, könnt ihr uns doch mitnehmen, damit ihr euch nicht noch einmal verirrt?“ Er lachte anzüglich, und auch unter den übrigen Novizen brandete Gelächter auf.
Gero antwortete nicht auf diese Provokation, doch Fabius lief rot an vor Zorn und Scham, als Arnaud ihn nicht in Ruhe ließ und ein paar Indiskretionen preisgab, unter denen der Luxemburger in den vergangenen Wochen zu leiden gehabt hatte.
„Sag uns doch endlich, wer dir das wunderhübsche Liebesmal verpasst hat?“, ärgerte ihn Arnaud und umarmte ihn.
Fabius fuhr wütend herum und versuchte vergeblich den braungelockten Bruder aus dem Languedoc abzuschütteln. Im Nu war eine Balgerei zwischen den beiden im Gange. Gero sah sich die Sache nicht lange an, sondern ging mit roher Gewalt dazwischen, indem er Arnaud am Kragen seines braunen Habits packte und ihm mit dem Unterarm die Luft abschnürte, bis dieser endlich von Fabius abließ. Während die übrigen Kameraden (bis auf Struan, der wie üblich ohne Anteilnahme auf seiner Pritsche saß und sein Schwert schärfte) den Atem anhielten und gebannt darauf warteten, was als Nächstes passierte, stieß Gero den Franken grob zur Seite. Fabius presste seine Finger auf jene Stelle, an der Arnaud sich festgesaugt hatte. Als er die Hand herunternahm, zeichnete sich ein gut sichtbares rotes Mal auf der Halsbeuge ab.
Arnaud war sofort wieder auf den Füßen und wollte Gero von der Seite her angreifen, doch Gero schickte ihn mit einem einzigen Fausthieb zu Boden.
Arnaud hielt sich das Kinn und schaute zu Gero auf.
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