Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
stimmen«, bemerkte Otto lächelnd.
Thankmar antwortete nicht. Es stimmte, er hatte eine Schwäche für Alveradis. Aber Schwäche war das Letzte auf der Welt, was er Otto gegenüber eingestehen wollte.
Der unverhofft goldene Oktobertag hatte die Menschen scharenweise aus den Häusern gelockt. In den Gärten, die die Katen der Flussfischer umgaben, waren die Frauen bei der Arbeit, gruben die abgeernteten Beete um, brachten Mist aus oder breiteten ihre Wäsche zum Bleichen auf den Uferwiesen aus. Kinder und Hunde tollten zwischen ihnen umher oder kletterten in die Obstbäume auf der Suche nach den letzten vergessenen Früchten. Wenn die Prinzen vorbeikamen, hielten die Menschen inne, die Frauen knicksten, die Männer nahmen die Strohhüte vom Kopf und machten einen Diener.
Thankmar und Otto bogen halb links in eine Gasse ab, die zur Johanniskirche führte, und hier ging es noch geschäftiger zu, denn die Häuschen beherbergten Handwerker und ihre Gewerbe: Links hörte man einen Schmiedehammer singen. Gegenüber spannten ein Gerber und sein Weib frische Häute in Holzgestelle, die neben ihrem Haus aufgestellt waren, lachten und tändelten bei der Arbeit und schienen den fauligen Gestank, den die Häute verströmten, überhaupt nicht wahrzunehmen. In der Töpferei eine Tür weiter hing hingegen der Haussegen schief: Der Töpfer stand inmitten eines Scherbenhaufens und hatte einen Fuß auf den Hackklotz gestellt, um seinen Sohn übers Knie zu legen, der das Malheur vermutlich angerichtet hatte. Die Schreie des Kindes lockten die Töpferin herbei, und als sie einschreiten wollte, verlor der Mann jedes Interesse an dem Übeltäter, ließ ihn fallen und legte stattdessen sein Weib übers Knie. Sie keifte und drohte, ihm im Schlaf dies oder jenes abzuschneiden, und bald hatte sich vor der Töpferei eine muntere Zuschauerschar gebildet.
Otto wandte kopfschüttelnd den Blick ab.
»Das ist das wahre, pralle Leben, Bruder«, bemerkte Thankmar.
»Ich weiß«, gab der Jüngere ein wenig unwirsch zurück und ritt weiter.
»Apropos wahres Leben. Ich hoffe, du wirst nicht allzu bitter enttäuscht sein, wenn sich herausstellen sollte, dass die drei Bäcker doch tatsächlich einfach nur Bertrüger sind.«
»Vermutlich wäre ich enttäuscht«, räumte Otto ein. »Ich möchte gern glauben, dass die Menschen in der Regel anständig sind und Betrüger die Ausnahme. Aber wir werden sehen. Ich finde die Sache jedenfalls seltsam genug, um ihr auf den Grund zu gehen.«
Der Markt auf dem Platz vor der Johanniskirche war gut besucht. Bauern und Händler aus der Umgebung boten Korn, Eier und Käse, Hühner und Schweine in geschlachteter oder lebender Form, Wein und Bier, Tuche und Wolle, Leder und Messer – kurzum alles, was der Mensch zum Leben brauchte. Thankmar entdeckte auch einige slawische Händler von jenseits des Flusses, die vor allem Töpferwaren und Pelze verkauften.
Vor dem Stand eines Getreidehändlers hielt Otto an und saß ab. Anders als alle anderen Menschen, die Thankmar kannte, schwang er dazu das rechte Bein nach vorn über den Widerrist seines Gauls und rutschte dann aus dem Sattel, was aber keineswegs lächerlich wirkte, sondern seltsam elegant. Otto warf Thankmar die Zügel zu und trat an den Stand. »Gott zum Gruße.«
Der Kornhändler sah an seinen Kleidern, dass er einen zahlungskräftigen Kunden vor sich hatte, und machte einen Bückling, doch er erkannte Otto nicht. »Was kann ich für Euch tun, junger Herr?«
»Du bist nicht aus Magdeburg?«, vergewisserte sich Otto.
»Aus Wanzleben, junger Herr. Ich fahre die Dörfer der Gegend ab, kaufe das überschüssige Korn der Bauern und bring es her.«
»Verstehe. Und ich nehme an, du hast ein Pfund-Gewicht?«
Der Händler sah ihn ein wenig unsicher an, als frage er sich, ob der junge Edelmann sich über ihn lustig machen wollte. Dann wurde seine Miene eine Maske ausdrucksloser Höflichkeit, und Thankmar wusste ganz genau, was der Kerl dachte: Ihr Edelleute seid alle ein bisschen wunderlich, aber wenn man euch das spüren lässt, endet man mit einer Klinge zwischen den Rippen. »Gewiss, edler Herr.«
»Kann ich es borgen? Nur für eine Stunde.«
Die Kiefermuskeln des Mannes verkrampften sich, aber er wandte sich ohne das geringste Zögern zu seiner Waage um und reichte Otto das Bleigewicht von der Größe einer Kinderfaust.
Otto studierte seine versteinerte Miene und fragte: »Kannst du nichts verdienen, während ich mit deinem Gewicht unterwegs
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