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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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der Bart weiß, und für einen Bäcker war er auffallend mager. Er ist alt und krank , hatte Gundula beteuert. Womöglich stimmte beides.
    »Und sag mir, Eilhard, hast du deine Kunden beschwindelt und ihnen zu leichte Brote verkauft?«
    »Nein, mein Prinz. Meine Gewichte hab ich mir hier als junger Mann von einem Bleigießer machen lassen, und ich schwöre bei Gott, ich hab nie dran gedacht, dass mein Pfund zu leicht sein könnte.«
    Otto sah zu dem jüngeren Mann, der an Eilhards linker Seite kniete. »Und was ist mit dir?«
    »Ich bin Wilhelm, Eilhards Schwiegersohn, mein Prinz. Mein Vater war Freibauer, und die Ungarn haben ihn erschlagen. Ich kam in die Stadt und erlernte mein Handwerk von Eilhard. Als der alte Bäcker Tamma vor vier Jahren starb, haben meine Birga und ich sein Geschäft übernommen. Auch seine Gewichte. Aber ich hab sie natürlich nachwiegen lassen. Mein Pfund ist ein Pfund. Jedenfalls hab ich das immer geglaubt.« Er hob den Blick und sah Otto einen Moment ins Gesicht. »Und ich bin bereit, meine Unschuld in einem Gottesurteil zu beweisen.«
    Otto gab keinen Kommentar ab und forderte den dritten Beschuldigten auf: »Und nun du.«
    »Manfred, edler Prinz.« Es war nicht schwer zu erraten, warum sie ihn den »roten Manfred« nannten, denn seine Wangen waren so rund und leuchtend rot wie reife Äpfel. »Meine Vorväter haben hier Brot gebacken, solange irgendwer zurückdenken kann, und ich hab meine Gewichte vom Vater übernommen. Ich …« Er schluckte, bewahrte aber Haltung. »Ich hab nichts Unrechtes getan, mein Prinz, ich schwör’s bei allen Heiligen. Aber bitte … bitte kein Gottesurteil.«
    »Bring mir eine Waage«, befahl Otto einem der Büttel.
    Der Ordnungshüter schaute hilfesuchend zu Asiks Schreiber hinüber, der in die Kammer hinter der Halle eilte und im Handumdrehen mit einer Schalenwaage zurückkehrte, die er zwischen Otto und Asik auf den Tisch stellte.
    »Tritt vor, Manfred, und lege dein Pfund auf die Waage.«
    Die leuchtenden Wangen schienen noch ein wenig feuriger zu werden, als der Bäcker sein Bleigewicht aus dem Beutel am Gürtel holte und es in die linke Waagschale stellte.
    Otto legte das Gewicht des Kornhändlers aus Wanzleben in die andere, die sich sofort senkte. Die drei Bäcker zogen scharf die Luft ein und tauschten nervöse Blicke. Otto nahm das Gewicht heraus und ersetzte es durch das des Magdeburger Markthändlers. Die Waage pendelte eine quälend lange Zeit, dann blieb sie aber mit beiden Schalen auf einer Höhe stehen. Die Gewichte waren gleich schwer.
    »Manfred ist unschuldig«, erklärte Otto und gab sich keine Mühe, ein erleichtertes Lächeln zu verbergen. »Wilhelm, du bist der Nächste.«
    Der tapfere Bäcker legte sein Gewicht mit größtem Selbstvertrauen in die Waagschale, und das Ergebnis war das gleiche wie bei seinem Konkurrenten.
    »Es ist, wie Gundula gesagt hat«, raunte Otto seinem Bruder zu. »Das Magdeburger Pfund wiegt kein Pfund.« Er schaute den älteren Bäckermeister an. »Eilhard, wenn du so gut sein willst …«
    Auch Eilhards Gewicht erwies sich im ersten Vergleich als zu leicht. Als Otto das Wanzlebener Pfund durch das Magdeburger ersetzte, pendelten die Schalen wieder, aber nur kurz, und dann senkte sich die Seite mit dem Gewicht, das Otto auf dem Markt geborgt hatte.
    Asik starrte verdutzt auf die Waage, und Thankmar nahm an, seine eigene Miene war nicht weniger verblüfft. Dann blickten sie beide zu Eilhard.
    Otto nahm dessen Gewicht in die Linke, stand auf und ergriff sein Schwert.
    Der alte Bäcker kauerte sich mit einem erbärmlichen Jammerlaut zusammen, aber nicht sein Kopf war es, auf den die Klinge niedersauste, sondern sein Pfund. Das weiche Blei brach unter dem Hieb der Stahlklinge in drei Brocken, die ein Holzstück in seinem Innern offenbarten. Otto nahm es in die Hand und hielt es erst seinem Bruder, dann dem Schultheiß zur Begutachtung hin. »Wilhelm und Manfred sind frei zu gehen«, sagte er. »Eilhard ist ein Betrüger. Vollstreckt Euer Urteil, Asik.«
    Der Schultheiß nickte grimmig und befahl den Bütteln: »Bindet den Schurken und bringt ihn hinaus. Trödelt nicht, der Tag vergeht. Wir müssen es tun, solange noch viel Betrieb auf dem Markt ist und alle es sehen. Damit es wirkt.«
    Er ist ein guter Schultheiß, erkannte Thankmar. Otto hat klug gewählt, das muss man ihm lassen, ob es einem nun passt oder nicht …
    Eilhard war vor dem Richtertisch wieder auf die Knie gesunken und hatte demütig den Kopf

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