Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
jedoch nicht aus den Augen.
»Nein, Vilema. So einfach ist es nicht. Der Gott der Sachsen runzelt die Stirn darüber, wenn ein Mann und eine Frau ein Kind bekommen, ohne verheiratet zu sein. Nach seinen Regeln ist es Sünde.« Er fügte nicht hinzu, dass nach Auffassung der Sachsen nicht nur die Eltern sündig waren, sondern ihr Bastard ebenso, weil er in Fleischeslust und ohne Gottes Segen gezeugt war. »Doch ob du ein Stockschwämmchen oder ein Häubling bist, hat nichts damit zu tun, ob deine Eltern Mann und Frau sind, sondern allein mit deinen Taten. Mit den Entscheidungen, die du triffst, wenn du ein Mann bist.«
Wilhelm war auf dem ganzen Rückweg schweigsam. Das war er oft – genau wie Tugomir in seinem Alter und ganz anders als Dragomira, deren Geplapper ein ewig plätschernder Quell gewesen war, als sie klein war.
Sie ließen die Pferde in der Obhut der Stallknechte, und Tugomir lieferte Wilhelm bei Bruder Waldered in der kleinen, dämmrigen Kammer neben der Kanzlei ab, wo Dietmar bereits über seine Schreibaufgaben gebeugt saß.
»Reichlich spät«, bemerkte der Lehrer spitz.
Tugomir grinste. »Wenn ich sage, es war meine Schuld, wirst du mit diesem grässlichen Ding auf mich losgehen?« Er wies auf die Rute – unverzichtbares Utensil eines jeden Lehrers –, die auf einem Wandbord über dem Kohlebecken lag.
Waldered sah vielsagend an Tugomir auf und ab, der ihn um mindestens einen Kopf überragte. »Ich glaube, lieber nicht«, erwiderte er. »Komm her, Wilhelm. Wärm dir die Finger, eh du anfängst, sonst klappt es nicht. Dein nichtsnutziger Onkel hat dich ja lange genug durch die Kälte geschleift, um sie in Eiszapfen zu verwandeln.«
Der Junge trat kichernd ans Kohlebecken und rieb sich die Hände, und Waldered strich ihm verstohlen über den Schopf. Tugomir wusste, er war ein ausgesprochen nachsichtiger und sanftmütiger Lehrer, dessen Rute dazu neigte, auf ihrem angestammten Platz Spinnweben anzusetzen.
»Kann ich dich heute noch sprechen, Tugomir?«
»Sicher. Bist du krank?«
Der Mönch schüttelte den Kopf. »Ich komme später zu dir herüber.«
»In Ordnung.« Tugomir wandte sich zur Tür. Im Hinausgehen zwinkerte er den Jungen zu. »Viel Vergnügen mit euren Buchstaben, Männer. Ich bin wirklich froh, dass ihr hier hocken müsst, nicht ich.«
Er machte sich auf den Weg zu seinem Haus, doch wie so oft wurde er unterwegs aufgehalten: Einer der Stallburschen bat ihn um Rat und Hilfe, weil Prinzessin Edithas kostbare neue Stute auf der rechten Hinterhand lahmte. Tugomir sah sich den Gaul an und verordnete Arnikasalbe und zukünftig mehr Sorgfalt beim Pferdekauf. Als er am Brunnen vorbeikam, wo mehrere Mägde zusammenstanden und schwatzten, konsultierte eine der älteren ihn wegen der schmerzenden Glieder ihres Mannes, eine der jüngeren wegen des Hustens ihrer Tochter. Tugomir hieß sie, später bei ihm vorbeizuschauen und sich Arznei abzuholen, und als er endlich auf die Wiese mit dem Fischteich einbog, fragte er sich wohl zum tausendsten Mal, warum die verdammten Sachsen eigentlich nicht lange ausgestorben waren, bevor er ihnen in die Hände gefallen war.
Ein kniehoher Zaun aus geflochtenen Haselzweigen umfriedete seinen großzügigen Kräutergarten. Jetzt im November waren die meisten der Beete braun und öd, aber vom Frühjahr bis in den Herbst hinein war dieser Garten ein wahres Blütenmeer, das die betörendsten Düfte verströmte, und ganz gewiss der schönste Ort der Welt – zumindest diesseits der Elbe.
Tugomir strich mit der Linken über den Rosmarin neben dem Eingang, wie es seine Gewohnheit war, und schnupperte genießerisch an seinen Fingern, während er mit der Rechten die Tür aufstieß.
Rada stand mit einer Bürste in der Hand gleich neben dem großen Tisch, von dem Wasser in den Sand tropfte. Offenbar war sie dabei gewesen, ihn zu schrubben, aber sie war in ihrer Arbeit unterbrochen worden: Semela hatte sie von hinten gepackt, die Arme um ihre Taille geschlungen, das Gesicht an ihrem Hals vergraben und murmelte: »Nun komm schon, Rada, sei keine Gans …«
Mit drei Schritten hatte Tugomir sie erreicht. Er packte Semela bei der Schulter, schleuderte ihn herum und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Semela taumelte rückwärts und fiel krachend zwischen zwei Schemel, von denen einer zu Bruch ging. Tugomir folgte ihm, las ihn vom Boden auf, drehte ihm den Arm auf den Rücken und stieß ihn zur Tür – alles ohne einen Ton zu sagen.
Rada stand wie erstarrt am Tisch
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