Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
Fürstenthron sitzt, zum Beispiel.«
»Aber er muss ihn für dich räumen, wenn du heimkehrst, oder nicht? Weil du sein Onkel bist, der Sohn und Erbe deines Vaters. Sind so nicht die Regeln bei euch?«
»Falls sie noch gelten, ja.«
Doch die Heveller waren seit jeher geneigt, ihre eigenen Regeln zu beugen und zu ändern, wenn sie glaubten, dass die Verhältnisse das erforderten. Tugomir war jedenfalls entschlossen, auf alles gefasst zu sein.
Seit Otto ihm vor einem Jahr sein Schwert zurückgegeben hatte, war kein Tag vergangen, ohne dass Tugomir sich in der Fechtkunst geübt hatte, und er hatte seine einstige Fertigkeit und Schnelligkeit wiedererlangt. Das sei wie mit dem Reiten, hatte Gerold, Ottos Waffenmeister, ihm erklärt, nachdem Tugomir ihn zweimal in Folge entwaffnet hatte: Was man als Knabe erlernt habe, bleibe einem ein Leben lang erhalten. Aber Tugomir hatte es nicht dabei bewenden lassen. Zu den einstigen Daleminzersklaven, die er Otto abgerungen hatte, gehörten dreiundzwanzig junge Männer, Semela nicht mitgerechnet. Und auch wenn Tugomir das Geld fehlte, sie alle zu bewaffnen, hatte er sie doch in den Waffenkünsten unterwiesen, seit er die Übereinkunft mit dem König getroffen hatte. Viel hatten sie noch nicht gelernt, aber sie waren gesund, voller Enthusiasmus und Tugomir ergeben. Eine brauchbare Leibgarde, schätzte er, falls es zum Äußersten kam.
»Wir dürfen nicht zaudern, aber wir sollten lieber nicht vor dem Mittsommerfest auf der Brandenburg ankommen. Bei meinem Volk ist es einer der höchsten Feiertage, und Christen sind dabei nicht erwünscht.« Außerdem fanden während der Tempelzeremonie Menschenopfer statt, und er wollte lieber nicht, dass das der erste Eindruck war, den seine Frau von den Hevellern gewann. Die Kluft würde auch so schon tief genug sein.
Die Hochzeit in der darauffolgenden Woche wurde nicht prunkvoll, aber feierlich, und als der König die Braut zum Portal der Stiftskirche führte und ihre Hand in die ihres Bräutigams legte, sah er den Blick, den Tugomir und Alveradis tauschten, und kam zu dem Schluss, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er selbst zählte ja auch zu den wenigen Glücklichen, für die aus einer politischen Ehe eine Liebesheirat geworden war, darum wusste er, wie viel Kraft ein Herrscher in einer klugen und liebevollen Frau finden konnte, vor allem in schweren Zeiten. Als er den Hevellerprinzen anschaute, verspürte er eine unerwartete Verbundenheit, beinah so etwas wie Komplizenschaft, und er legte ihm für einen kurzen Moment die Hand auf den Arm.
»Gott segne euch beide, Tugomir.«
Tugomir nickte knapp. »Habt Dank.«
Der König küsste die hinreißende Braut auf die Stirn und trat dann ein paar Schritte zurück zu seiner Frau, während der Bischof die Hände zum Segen hob und auf Latein zu beten begann. Editha verfolgte die Zeremonie aufmerksam und mit sturmumwölkter Miene. Das verstand er nicht so recht, hatte sie ihre Vorbehalte gegen Prinz Tugomir mit dessen Übertritt zum wahren Glauben doch samt und sonders aufgegeben. Erst als Otto ihrem Blick folgte, verstand er: Auf der anderen Seite des Halbmonds aus Menschen, der sich um das Brautpaar gebildet hatte, stand Dragomira, flankiert von ihrem Sohn und Vater Widukind. Ihr Arm war um Wilhelms Schultern gelegt, aber sie hatte nur Augen für ihren Bruder und dessen Braut. Und das war ein Glück, befand Otto, denn so entgingen Edithas finstere Blicke gänzlich ihrer Aufmerksamkeit.
Er hatte ihre Eifersucht nie so recht verstehen können, war Editha doch sonst eine so vernünftige, oft gar nüchterne Frau. Und er gab ihr eigentlich auch keinen Anlass zur Eifersucht, denn er war ihr meistens treu, und wenn nicht, war er entweder weit fort oder aber diskret. Jetzt ergriff er ihre Hand und zwinkerte ihr zu, ohne wirklich den Blick von Bischof Bernhard zu wenden, und Editha senkte mit einem verschämten kleinen Lächeln den Kopf.
»… und so erkläre ich euch im Angesicht Gottes zu Mann und Weib«, erklärte Bernhard. »So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch, spricht unser Herr Jesus Christus. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Ihr dürft Eure Braut küssen, Prinz.«
Tugomir nahm Alveradis bei den Schultern, und sein Lächeln beschränkte sich auf seine Augen. Alveradis hingegen strahlte, wie es einer glücklichen sechzehnjährigen Braut zukam, machte einen winzigen Schritt auf ihn zu und hob das Gesicht. Sacht, beinah flüchtig
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