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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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streifte er ihre Lippen mit seinen.
    Wie typisch, dachte Otto amüsiert. Tugomir war nicht gerade ein Mann, der zu öffentlichen Gefühlsbekundungen neigte.
    Bischof Bernhard führte die Hochzeitsgemeinde in die Kirche zur Brautmesse. Er zelebrierte gemeinsam mit Widukind, und die Gesänge der Kanonissen verliehen dem Gottesdienst eine besondere Feierlichkeit. Der König sah zur Empore hinauf, von wo die getragenen Stimmen erschollen, um einen Blick auf seine Mutter zu werfen, aber die frommen Damen waren den Blicken der Welt entzogen – wie es sich gehörte.
    Das anschließende Hochzeitsmahl war schon von Aufbruchsstimmung geprägt. Während an der hohen Tafel Wild und Lamm, Fasan und Hühnchen, Kräutersaucen und weißes Brot und – zu Ottos besonderer Freude – Erdbeerpfannkuchen aufgetragen wurden, herrschte weiter unten ein unablässiges Kommen und Gehen. Soldaten brachten Graf Manfried und den anderen Kommandanten Botschaften, Udo und die übrigen Männer der königlichen Wache hatten sich links der Tür versammelt und überprüften den Zustand ihrer Waffen und Rüstungen. Der Zahlmeister stritt gedämpft mit Gerold dem Waffenmeister, und Liudolf und der junge Wichmann nutzten das Durcheinander, um verstohlen einen Kettenpanzer anzuprobieren. Draußen vor der Halle waren marschierende Schritte und das Rumpeln vieler Karren zu hören. Nicht nur Tugomir und die Seinen würden morgen früh aufbrechen. Der König gedachte, am folgenden Tag nach Westen zu ziehen, um seinen abtrünnigen Bruder und seinen Schwager Giselbert von Lothringen zu stellen.
    »Wenn du glaubst, eure Hochzeit gehe mit unwürdiger Hast vonstatten, hättest du meine Bischofsweihe erleben sollen«, hörte er Widukind zu Tugomir sagen. »Ich schwöre, kein Priester wurde je hastiger in die Nachfolge der Apostel gestellt als Widukind von Herford.«
    Friedrich, der Erzbischof von Mainz, hatte die Weihe auf Ottos Wunsch hin vollzogen und dem Papst einen Boten geschickt, um dessen Segen für die Gründung eines Bistums östlich der Elbe zu erbitten.
    »Du weißt, dass wir keine Zeit verlieren dürfen, Vetter«, erinnerte der König ihn. »Ihr bei eurer Aufgabe so wenig wie ich bei der meinen. Wenn die slawischen Gebiete bei eurer Ankunft schon von Krieg erschüttert sind, wird niemandem der Sinn danach stehen, sich dem Wort Gottes zu öffnen.«
    »Es wird ohnehin nicht vielen der Sinn danach stehen«, entgegnete Widukind mit einem ergebenen Schulterzucken. »Aber ich verstehe, was Ihr meint. Ihr brecht von hier aus auf, mein König?«
    Otto nickte. »Hardwin wartet mit den Panzerreitern in Dortmund, und dort vereinigen wir uns mit dem thüringischen Aufgebot.«
    »Gott möge Euch behüten und den Sieg schenken«, sagte Widukind ernst.
    »Amen«, murmelte Editha an Ottos Seite.
    Er warf ihr einen kurzen Blick zu und ergriff ihre Linke. Die Hand war eiskalt. Otto wusste, sie fürchtete immer um ihn, wenn er in den Krieg zog, aber vielleicht nie so wie dieses Mal. Editha wusste praktisch alles, was in seinem Kronrat offenbart und erörtert wurde, und sie hatte genug politische Erfahrung, um zu wissen, wie gefährlich die Lage war. Otto konnte Lothringens Abfall vom Reich unter keinen Umständen dulden, und das nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen. Giselberts Bruch des Lehensverhältnisses war ein Affront, der Ähnlichkeit mit einer schallenden Ohrfeige hatte. Und jetzt lauerten all jene Grafen, Edelleute, Bischöfe und Äbte, die Zweifel an der Entschlusskraft des Königs hegten, darauf, wie Otto antworten würde. Darum musste sein Gegenschlag hart sein. Unbarmherzig. Er scheute sich nicht davor, in die Schlacht zu ziehen – davor scheute er sich nie –, aber ihm graute davor, mit Feuer und Schwert in Lothringen einzufallen und das unschuldige Volk für den Verrat seines Herzogs büßen zu lassen. Genau das musste er jedoch tun, um Giselbert ebenso in die Schranken zu weisen wie Ludwig von Westfranken. Es war der einzige Weg, sich den Respekt seiner Feinde zu verschaffen, den er verloren hatte, weil nicht nur sein Schwager, sondern sein eigener Bruder gegen ihn rebellierte. Und Otto ahnte, dass es bloß eine Frage der Zeit war, bis Eberhard von Franken sich offen den Verrätern anschloss. Damit befände sich dann das halbe Reich in Rebellion, und nur mit eiserner Faust konnte der König sie niederschlagen. Otto war bereit, das zu tun – es gab im Grunde überhaupt keine Wahl –, aber es war völlig ungewiss, ob er Erfolg haben oder je

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