Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
Bilder und Gerüche, die er so lange und so schmerzlich entbehrt hatte, gierig in sich auf, aber er blieb nicht stehen. Die Menschen, denen er begegnete und die ihn teils neugierig, teils mit freudigem Wiedererkennen willkommen hießen, grüßte er höflich, ohne seine Schritte zu verlangsamen.
Ein Steg aus Holzbohlen – den man im Notfall schnell einreißen konnte – führte zum erhöhten Tor in der mächtigen Wallanlage der Hauptburg. Dieses war ebenfalls geöffnet, aber dort hielten zwei Männer mit Helmen und Lanzen Wache. Sie stellten sich Schulter an Schulter, als sie sie kommen sahen, aber dann erkannten sie ihn. »Prinz Tugomir!«, rief der rechte aus. »Oh, die Götter sind gut. Wie in aller Welt kommst du hierher?«
»Dragowit«, grüßte Tugomir. Er erinnerte sich nur zu gut an diesen wilden Krieger, der zu Boliluts Raufbolden gezählt hatte. »Das ist eine lange Geschichte, die ich gerne zuerst meinem Neffen erzählen würde.«
Dragowit gab sich keine Mühe, das vielsagende Grinsen zu verheimlichen, das er mit seinem Kameraden tauschte. »Dann nur zu«, sagte er. »Ich schätze, du findest ihn in der Halle.«
»Hab Dank.«
Ein zweiter Steg führte von den Dächern der Hütten hinab, die den Wehrgang bildeten.
»Was hatte das zu bedeuten?«, raunte Semela hinter Tugomirs linker Schulter.
»Ich schätze, wir sind im Begriff, das herauszufinden, oder?«, antwortete Dervan.
Die Hauptburg kam Tugomir völlig unverändert vor: Linkerhand lag der Eichenhain, und hier und da sah man durch das noch junge Blätterdach die reich verzierte Fassade des Jarovit-Tempels. Er war kein Raub der Flammen geworden, als die Burg damals fiel. Gero hatte die überlebenden Priester in den Tempel sperren und ihn anzünden wollen, hatte Tugomir irgendwann erfahren, aber Thankmar war wieder einmal zur Stelle gewesen, um seinen tollwütigen Vetter zu zügeln. Gegenüber dem Tempel auf der Ostseite der Anlage erhob sich die Halle, die von außen gar nicht so anders aussah als Ottos Hallen in Magdeburg oder Ingelheim oder wo auch immer im Reich verstreut die königlichen Pfalzen lagen: ein großzügiger rechteckiger Holzbau mit einem steilen strohgedeckten Dach, einer breiten Doppeltür und wenigen Fenstern, und an der hinteren Giebel- und südlichen Längswand die Wohngemächer der Fürstenfamilie, ein wenig nachlässig angebaut, so als sei dem Baumeister erst im letzten Moment eingefallen, dass dergleichen auch benötigt wurde.
Tugomir führte seine beiden Begleiter über den Platz in der Mitte, wo ein paar Wachen im Gras saßen, Becher in Händen. Er ignorierte ihre neugierigen Blicke und hielt geradewegs auf die Halle zu, sein Schritt entschlossen und zügig, damit nur ja niemand erriet, dass ihm das Herz bis in die Kehle schlug.
Als sie durch die weit geöffneten Türen ins Innere traten, verharrte er einen Augenblick, denn nach dem hellen Sonnenschein draußen kam die Halle ihm stockfinster vor. Das Feuer hinter den Plätzen der Fürstenfamilie an der gegenüberliegenden Wand brannte indes munter und spendete Licht, sodass der vertraute Saal schnell Formen annahm.
Der junge Fürst der Heveller saß auf seinem kunstvoll geschnitzten Sessel an der Tafel und rührte lustlos in der Eintopfschale, die vor ihm stand. Tugomir konnte nicht fassen, wie ähnlich der Junge seinem Vater sah. Als Knirps war Dragomir so blond gewesen wie seine Mutter, doch mit den Jahren war das Haar dunkler geworden, wenn auch nicht so rabenflügelschwarz wie Tugomirs und Dragomiras. Wie Bolilut hatte auch Dragomir eine breite Stirn – jetzt nachdenklich gefurcht –, haselnussbraune Augen, und die Arme und Schultern unter dem feinen dunkelblauen Gewand wirkten muskulös.
Er schaute auf, als er die leisen Schritte im Sand hörte. »Was gibt es?«, fragte er nicht unfreundlich. Und dann, eine Spur verwirrt: »Wer seid ihr?«
Tugomir legte vier Finger auf seine Brust zum Göttergruß. »Dragomir, ich bin Tugomir, dein Onkel. Ich bin sicher, es ist ein Schock für dich, aber ich bin heimgekehrt.«
Dragomir ließ den Löffel los und starrte ihn einen Moment an, als hätte er ihn nicht verstanden. Dann wiederholte er: »Onkel … Tugomir?«
Der nickte und sagte nichts. Lass ihm Zeit, dachte er. Trotz der Ähnlichkeit mit seinem Vater fand Tugomir in den Augen des jungen Fürsten keinerlei Anzeichen von dem Mutwillen und der manchmal unbedachten Grausamkeit, die Bolilut so gefährlich, vor allem so unberechenbar gemacht hatten. Dragomirs
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