Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
Vom Netzwerk:
ihr denn erwartet?«, entgegnete Tugomir. »Ein warmes Willkommen? Nachdem Gero sie zwei Jahre lang in den Staub getreten hat?«
    »Aber was wirst du tun?«, fragte Semela – untypisch verzagt.
    Tugomir antwortete nicht. Er nahm die nächste Treppe hinauf zum Wehrgang und blickte über den Wall auf das weite Havelland hinaus. Der blaue Himmel spiegelte sich auf dem Fluss und den ungezählten Seen, und ganz gleich, wohin man schaute, reichten die Wälder bis zum Horizont. Nur hier und da hatten die Menschen ihnen ein paar Felder abgerungen. Das Korn gedieh gut in der schweren, dunklen Erde, doch die Bauern mussten ihre Schollen jeden Tag aufs Neue gegen den übermächtigen Wald und seine Geister verteidigen. Dies war ein ungezähmtes Land. Es war wild und schön und gefährlich, und als Tugomir es betrachtete, war es ihm, als habe sein Herz mit einem Mal Schwingen und schraube sich wie ein Adler in den wolkenlosen Sommerhimmel empor. »Seht es euch an«, sagte er leise und wies nach Osten.
    »Ja, es ist so schön, dass man es kaum aushält, länger hinzuschauen«, räumte Semela seufzend ein.
    »Hm«, stimmte Tugomir zu. »Aber das meinte ich nicht. Das Land der Heveller reicht bis an die Oder. Wenn ich bei den Sachsen eins gelernt habe, dann dies: je größer das Land, desto größer die Macht dessen, der es beherrscht.« Er wandte den Kopf und sah Semela ins Gesicht. »Du fragst, was ich tun werde? Ich sage es dir: Ich werde über dieses Land und die Menschen darin herrschen, um sie zu beschützen, wenn ich kann. Vor Gero, vor den Ungarn, vor kriegswütigen Nachbarn und notfalls auch vor sich selbst. Ich werde es anders machen als mein Vater vor mir und dessen Vater vor ihm, denn wir leben in einer anderen Zeit. Nicht alle werden mir freiwillig folgen, und es wird vermutlich Blut fließen. Aber wenn Gott hier wirklich seine Hand im Spiel hat, wie Widukind sagt, wenn er mich hierhergeführt hat, dann schätze ich, kann es mit seiner Hilfe auch gelingen.«
    Semela und Dervan starrten ihn an, als hätte er sich vor ihren Augen in einen vollkommen Fremden verwandelt. Erwartungsgemäß war Semela der Erste, der die Sprache wiederfand. »Du meine Güte, Prinz …« Er schüttelte mit einem kleinen, nervösen Lachen den Kopf. »Auf einmal hörst du dich an wie König Otto.«
    Dragomira rang mit einem Gefühl von Unwirklichkeit, als sie bei Sonnenuntergang die Halle der Brandenburg betrat. Bis zu dem Tag, da Ottos Vater sie verschleppt hatte, war dieser großzügige und stets gut beheizte Saal der Schauplatz ihres Lebens gewesen, und jetzt stürzte eine regelrechte Flut von Erinnerungen auf sie ein – die meisten davon abscheulich. Dort hinten am Feuer stand der Webstuhl, an dem sie mit ihrer Mutter gesessen hatte, als die Männer ihres Vaters hereinkamen, düster und schweigsam, um ihre Mutter abzuholen. Es war das letzte Mal gewesen, dass Dragomira sie gesehen hatte. Nach der Hinrichtung hatte das kleine Mädchen den Anblick des Webstuhls kaum ertragen können, doch die Tanten und Basen, die fortan ihre Erziehung übernahmen, hatten sie wieder daran gesetzt. Sie hatten Dragomira in allen Fertigkeiten unterwiesen, die eine Fürstentochter beherrschen musste, sorgfältig, gründlich, mit kalten Augen und ohne Zuwendung. Dann war Anno gekommen, und mit einem Mal hatte sie einen Freund gehabt, mit dem sie reden konnte, während sie spann und webte und nähte und kochte und eine unendliche Reihe kleiner Vettern und Neffen wickelte und fütterte und hütete. All das hatte sich hier in dieser Halle abgespielt, und der Saal sah so unverändert aus, als wäre sie gestern noch hier gewesen. Fremd und unwirklich fühlte sie sich, weil sie es war, die sich verändert hatte.
    »Deine Hände zittern«, flüsterte Widukind, ergriff ihre Linke und wärmte sie zwischen seinen großen Händen.
    »Ich wünschte, ich wäre nicht zurückgekommen«, bekannte sie tonlos. »Es ist ein schrecklicher Ort. Wenn du wüsstest, wie viel Blut hier schon geflossen ist, Widukind …«
    Er nickte. »Blut fließt überall. Am Grund des Meeres zerfleischt der Leviathan die Leiber der Seeleute, auf den Gipfeln der Berge reißt der Adler das Lamm, und überall dazwischen ist der Mensch und vergießt das Blut seines Nächsten, denn wir alle sind wie Kain.« Er sah sie an und hob die Schultern. »Das wird sich erst ändern, wenn der Tag des Weltenendes kommt. Also in etwa sechzig Jahren, glauben die Gelehrten.«
    Dragomira musste lächeln. »Ein schwacher

Weitere Kostenlose Bücher