Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
Trost.«
Er zog sie näher und legte einen Arm um ihre Schultern. Ungeniert. Und ohne zuvor einen verstohlenen Blick über die Schulter zu werfen, ob sie auch ja niemand sah. Das, musste Dragomira einräumen, war der eine große Segen dieser Heimkehr. Hier gab es weit und breit keinen Abt und keine Mutter Oberin, die sie auseinanderreißen und ob ihres unkeuschen Lebenswandels zur Rechenschaft ziehen konnten. Und der zuständige Bischof hier war praktischerweise Widukind selbst …
»Lass uns näher zum Feuer gehen«, schlug er vor. »Du bist schließlich die Schwester des Fürsten, warum drücken wir uns hier an der Tür herum wie Bittsteller?«
Doch sie hielt ihn mit einer Geste zurück. »Wir sollten warten, bis Tugomir kommt.«
»Man könnte meinen, du fürchtest dich immer noch vor deinen Verwandten hier«, gab er stirnrunzelnd zurück. »Aber sie werden nicht mehr wagen, so hässlich zu dir zu sein wie früher.«
Es rührte sie, dass er so entrüstet über die Lieblosigkeit ihrer Sippe war, doch sie dachte: Sie werden so hässlich sein, wie sie wollen. Und wenn sie Tugomir stürzen, werden sie dich und mich töten. Doch das sprach sie nicht aus, sondern sagte stattdessen: »Lass uns hier auf meinen Bruder warten und wie besprochen gemeinsam mit ihm in die Halle ziehen. Das stärkt seine Position.«
Widukind gab nach. »Ich glaube nicht, dass er das nötig hat. Aber bitte, wie du willst.«
Tugomir ließ sich indessen Zeit, und auch Dragomir war noch nicht erschienen. Der Fürstenthron stand wie verwaist vor dem Feuer, während die Halle sich allmählich füllte: Ihr Onkel Slawomir kam mit seinem Sohn Rogwolod, gefolgt von Dobra, seiner Frau, die Mann und Sohn scheinbar demütig mit einem Schritt Abstand folgte, die sich aber im Handumdrehen in eine scharfzüngige Furie verwandeln konnte, wenn sie sich in rein weiblicher Gesellschaft befand. Der graubärtige Falibor, ein ebenso findiger wie furchtloser Krieger, auf dessen Rat ihr Vater immer große Stücke gehalten hatte, kam mit seinen zwei Brüdern und vier Söhnen. Dann Tuglo mit einem halben Dutzend weiterer Triglav-Priester, und sie hielten zielstrebig auf Godemir zu, der jetzt Hohepriester des Jarovit war und in der ihm eigenen Bescheidenheit nur in Begleitung zweier junger Priesterschüler erschienen war. Einer nach dem anderen kamen sie: Männer, die in der Blüte ihrer Jahre gestanden hatten, als Dragomira von hier fortging, waren grau und alt geworden, die Jünglinge von einst waren Männer geworden, doch sie erkannte sie alle. Und sie wurde erkannt. Vor allem die Frauen streiften sie mit neugierigen Blicken, ehe sie an dem langen Tisch am unteren Ende des Saals Platz nahmen, wie die Tradition es vorschrieb, weiter weg vom Feuer als die Männer.
Schließlich trat Dragomir ein, mit einem sehr jungen Mädchen an der Hand, das Dragomira an Mirnia erinnerte. Doch dies hier war eine Redarierin, sah sie an der Art, wie ihr Kopftuch gebunden war. Der Fürst war seiner blutjungen Frau unverkennbar zugetan. Er neigte sich ihr zu und flüsterte etwas, das ihr ein Lächeln entlockte. Dann ließ er sie los, auf dass sie ihren Ehrenplatz an der Frauentafel einnehmen konnte. Als sie sich ein wenig schwerfällig niederließ, erkannte Dragomira, was das weite Gewand verborgen hatte: Das Mädchen war schwanger.
Und dann kam Tugomir.
Die gemurmelten Unterhaltungen an den Tischen verebbten, und es wurde so still in der Halle, dass man das Knistern des Feuers hörte. Die Heveller starrten ihren heimgekehrten Fürsten an, manche freudig und erwartungsvoll, andere skeptisch, alle erstaunt.
Dragomira konnte es ihnen nicht verdenken. Ihr erging es nicht anders. »Du meine Güte«, murmelte sie. »Er sieht wahrhaftig fürstlich aus.«
So hatte sie ihren Bruder nie zuvor gesehen, und er kam ihr vor wie ein Fremder. Tugomir trug neue Gewänder nach slawischem Schnitt, Hosen und Obergewand in einem so dunklen Braun, dass sie beinah so schwarz wirkten wie sein Haar. Der geschlitzte Halsausschnitt, die Ärmel und der Saum der Tunika waren mit einer dezenten, aber eleganten Bordüre mit einem dunkelgrünen Rankenmuster abgesetzt, in dem hier und da etwas wie Gold funkelte. Weit weniger unauffällig funkelte die schwere Kette, die auf seinen Schultern lag und bis auf die Brust reichte. Aber was die Versammelten in der Halle wohl am meisten verblüffte, waren die goldenen Bänder, die seine nagelneuen dunklen Halbschuhe schnürten und dann bis zum Knie kreuzweise um die
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