Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
»Tempelpolitik. Das kann Stunden dauern.«
»Aber es ist wichtig, nehme ich an?«, fragte Widukind gedämpft.
»Sei versichert. Je schwächer der Fürst, desto mächtiger die Priester. Selbst unter einem starken Fürsten darf man ihren Einfluss nie unterschätzen. Und ich fürchte, Dragomir war kein starker Fürst.«
Widukind schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Einwände gegen einen Fürsten, der auf den Rat der Götter und ihrer Priester hört«, gab Godemir zurück. »Und ich weiß, dass auch Fürst Tugomir sich unserem Rat nicht verschließen wird, weder dem deinen noch dem meinen, ganz gleich, welchen Gott er persönlich gewählt hat.«
»Ganz gleich, welchen Gott er gewählt hat?«, wiederholte Dragomir fassungslos. »Aber es ist der verfluchte Buchgott der Sachsen und der Obodritenfürsten. Der Gott, dem unsere schlimmsten Feinde angehören! Begreift ihr denn nicht, dass mein Onkel hergekommen ist, um uns zu verraten und ins Unglück zu stürzen?«
»Das reicht, Prinz Dragomir«, wies Falibor ihn scharf zurecht. »Wir haben unsere Wahl getroffen, und es ist müßig, die Debatte von vorn zu beginnen. Und ich denke, es wird Zeit, dass du anfängst, deinem Fürsten den gebotenen Respekt zu erweisen.«
Dragomir lachte auf. Es hatte verdächtige Ähnlichkeit mit einem Schluchzen. »Darauf kann er lange warten. Was seid ihr nur für ein treuloses Pack! Seit ich euer Fürst bin, ist keiner von euch verhungert. Niemand hat die Brandenburg belagert oder …«
»Niemand hat uns belagert, weil wir so arm und harmlos geworden sind, dass kein Feind Ehre darin hätte finden können, uns zu überfallen«, brummte sein Onkel Dragan.
»Aber …«
»Und niemand hier ist verhungert, weil die Götter uns in ihrer Güte den Reichtum der Wälder geschenkt haben«, fiel Dragans Zwillingsbruder Nekras ihm ins Wort. »Nicht etwa, weil du es verstanden hättest, die Schatullen für schlechte Zeiten mit Silber zu füllen. Du hast das Silber immer lieber Tuglo gegeben, der teure Sklavinnen davon gekauft hat, die er Triglav opfern konnte, wenn er mit ihnen fertig war. Ich hab immer gesagt, dass das die pure Verschwendung ist, aber du wolltest ja nie etwas davon hören.«
»Du nennst es also Verschwendung, wenn wir die Götter ehren«, entgegnete Dragomir empört und schaute in die Runde, auf der Suche nach zustimmenden Blicken. Aber er suchte vergeblich.
Dragomira konnte es kaum mit ansehen, wie ihr Neffe sich selbst demütigte, ohne es auch nur zu merken. »Ich wünschte, er würde aufhören«, sagte sie beklommen. »Er hat sie verloren.«
Ihr Onkel Slawomir, der sich bislang in untypischer Zurückhaltung geübt hatte, schien ähnlich zu empfinden. Er stand von seinem Platz auf und trat zu Dragomir. »Schluss jetzt, mein Junge. Du warst ein würdiger Statthalter, und in Anbetracht deiner Jugend hast du dich wacker geschlagen. Aber jetzt ist unser rechtmäßiger Fürst zurückgekehrt, und damit ist deine Herrschaft zu Ende. Zeig uns, dass du ein Mann bist, und akzeptiere das, was unabänderlich ist.« Er wies auf die Bank zur Linken des Throns. »Dort ist jetzt dein Platz. Setz dich hin, Dragomir.«
Der abgesetzte Fürst stand mit baumelnden Armen und gesenktem Kopf vor ihm und rührte sich nicht. Er sagte nichts mehr.
Tugomir betrachtete ihn mit einem Ausdruck, der schwer zu deuten war. Falls er Mitgefühl für seinen Neffen empfand, ließ er es sich nicht anmerken. Als Dragomir immer noch keine Anstalten machte, die unwürdige Szene zu beenden, nahm Tugomir den Thron seiner Väter ein und strich mit den Händen über die geschnitzten Armlehnen, als wolle er die Beschaffenheit des polierten Eichenholzes erkunden. »Wer ist deine Frau, Dragomir? Komm schon, stell sie mir vor.«
Sein Neffe wandte sich langsam zu ihm um, den Kopf immer noch zwischen die Schultern gezogen. Er stierte auf den besetzten Thron, und im nächsten Moment hielt er einen Dolch in der Rechten und machte einen Satz nach vorn. Ein Aufschrei ging durch die Halle, als die Menschen die Klinge sahen, die matt im Feuerschein glänzte.
Ehe sein Neffe ihn erreicht hatte, war Tugomir auf die Füße gekommen. Aber nicht er war es, auf den Dragomir sich stürzte, sondern Semela.
Der junge Daleminzer war längst beiseitegetreten und hatte die Szene mit angespannter Miene verfolgt, aber der entthronte junge Fürst hatte offenbar nicht vergessen, dass es Semelas kleine Ansprache gewesen war, die den Ausschlag für die Entscheidung der Krieger und Priester
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