Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
ist, dass unsere Sache nicht mehr schiefgehen kann. Eberhard will ja nicht den Kopf verlieren.«
»Sondern eine Krone gewinnen«, fügte Gerberga hinzu.
Dann sind wir schon drei , dachte Henning unwillkürlich. »Natürlich will er die Krone«, gab er achselzuckend zurück. »Sein Bruder trug sie vor meinem Vater. Eberhard ist besessen von dem Gedanken, dass es allen im Reich besser ginge, wenn er sie trüge. Vor allem ihm selbst.«
»Wir sollten jedenfalls nicht vergessen, dass Eberhard nur dein Verbündeter ist, solange Otto euer gemeinsamer Feind ist«, riet seine Frau eindringlich.
»Ich weiß, Herzblatt«, gab er knapp zurück. Er schätzte es nur nicht, daran erinnert zu werden. »Aber er wird kommen, um uns aus der Klemme zu helfen, ihr werdet sehen.«
»Wieso bist du so sicher?«, fragte Giselbert.
»Weil er sich nicht leisten kann, dass wir ihn für einen überflüssigen Verbündeten halten. Mit Eberhard verhält es sich ähnlich wie mit dir, Gerberga: Er wird mit uns siegen oder mit uns hängen. Dazwischen ist nichts. Und weil er ein Kerl ist und keine dumme Gans wie du, weiß er das ganz genau.«
Gerberga stickte weiter und beschränkte sich darauf, die Lippen zu kräuseln. Ihr unerschütterlicher Gleichmut gehörte auch zu den Dingen, die ihn wütend machten. Es war beinah, als hätte Gerberga einen geheimen Plan, von dem niemand etwas wusste und der niemanden außer ihr selbst retten würde. Er glaubte das nicht wirklich – sie war schließlich nur ein Weibsstück –, aber ein Hauch von Zweifel blieb.
»Und da kommen sie wieder«, murmelte Giselbert.
Henning gesellte sich nicht zu ihm ans Fenster, um zu sehen, wie Ottos Horden mit brennenden Pfeilen auf die Palisade zu hielten. Er hatte das jetzt oft genug gesehen, vielen Dank. Stattdessen betrachtete er Giselbert, der ihm plötzlich greisenhafter denn je erschien.
Ohne Vorwarnung flog die Tür auf, und Volkmar von Halberstadt stürmte herein. »Vergebt mir, Prinz.« Er war außer Atem. »Wir haben Neuigkeiten.«
Henning fragte nicht, woher. Der Bischof von Verdun, der ebenfalls zum westfränkischen König Ludwig übergelaufen war, schickte berittene Boten zu der belagerten Burg, die ihre schriftlichen Nachrichten mit Pfeil und Bogen ins Innere beförderten. Giselberts Kaplan und Beichtvater brachte sie her oder las sie dem Offizier der Wache vor.
»Gute Neuigkeiten, will ich hoffen«, brummte der Herzog.
Daran konnte es wohl keinen Zweifel geben – Volkmar grinste wie ein Schwachkopf. »Allerdings.« Und es war Henning, den er ansah, als er sagte: »König Ludwig von Westfranken ist ins Elsass einmarschiert.«
Henning atmete tief durch. Erst jetzt erkannte er, wie groß seine Zweifel an dem Milchbart gewesen waren, der sich König der Westfranken nannte.
»Er hat sich in Verdun huldigen lassen, und die ganze Stadt hat ihn bejubelt.«
Giselbert schlug sich triumphierend mit der flachen Hand aufs Bein. »Ich wusste es doch! Auf Verdun ist Verlass. Nicht nur auf Verdun. Meine Lothringer sind treue Seelen. Sie folgen mir!«
»Eure Zuversicht in allen Ehren, aber wir stecken trotzdem immer noch hier fest«, erinnerte Volkmar ihn.
»Und es wird Zeit, dass sich das ändert«, stimmte Henning zu. »Ich halte es hier ohnehin nicht mehr aus – im letzten Vierteljahr habe ich wirklich mehr Zeit als genug unter Belagerung verbracht.«
»Geduld, mein junger Freund«, entgegnete Giselbert, auf einmal glänzender Laune. »Solange Otto uns hier belagert, hat Ludwig im Elsass Bewegungsfreiheit. Es ist wichtig, dass er seine Stellung dort sichert, bevor Otto ihm auf die Pelle rückt. Vor allem muss Ludwig Breisach besetzen, wenn er das Elsass halten will.«
Henning tauschte einen ungläubigen Blick mit Volkmar, mobilisierte das letzte Quäntchen Geduld, über das er noch verfügte, und sagte: »Ludwig erwartet, dass wir uns ihm anschließen. Du vor allem. Damit die Welt sieht, dass Lothringens Zugehörigkeit zum westfränkischen Reich unumkehrbar ist. Wir müssen so schnell wie möglich aus dieser Burg verschwinden, Schwager.«
»Aber wie willst du das anstellen? Wir sind vollkommen eingeschlossen, und Ottos Wachen schlafen niemals.«
»Seid nicht so sicher«, widersprach Volkmar mit einem mutwilligen Zwinkern. »Wenn der Bischof von Verdun ihnen ein paar Fässer Wein schickt, in die Bilsenkraut gemischt ist, werden sie schon einschlummern. Und dann gehen wir über die Palisade.«
Henning dachte einen Augenblick nach und nickte dann.
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