Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
»Nachts. Auf der Flussseite. Unten muss ein Boot auf uns warten, das uns nach Verdun bringt.«
»Aber das sind über hundert Meilen«, protestierte Giselbert. »Flussaufwärts.«
Henning winkte ab. »Du sollst ja nicht selber rudern. Es ist unsere beste Chance. Unsere einzige, um genau zu sein. Wenn wir in Verdun sind, wird der Bischof uns mit Pferden und Geld aushelfen.«
»Sobald der König … König Otto, meine ich, merkt, dass wir entwischt sind, wird er die Belagerung aufheben und Ludwig entgegenziehen«, prophezeite Volkmar, und an Giselbert gewandt fügte er hinzu: »Dann können diejenigen Eurer Männer, die noch hier sind, uns folgen.«
Allmählich fand Giselbert offensichtlich Gefallen an dem Plan. »Und unterwegs neue Truppen aufstellen«, sagte er versonnen. »Wir brauchen mehr Männer.«
Henning war ganz seiner Meinung. »Volkmar, hol Hildger und Wiprecht her. Lass uns überlegen, wie genau wir vorgehen wollen. Das Wichtigste ist, dass wir dem Bischof von Verdun eine Nachricht zukommen lassen. Sie muss zuverlässig ankommen. Ein Pfeil über die Palisade ist zu ungewiss.«
»Mein Kaplan kann sie überbringen«, schlug Giselbert vor. »Wir schicken ihn unter irgendeinem Vorwand als Unterhändler zu Otto. Und statt hierher zurückzukehren, macht er sich auf den Weg nach Verdun.«
Henning atmete tief durch. »Großartig.«
Giselbert wandte sich an seine Gemahlin. »Du bleibst mit den Kindern hier. Öffne deinem Bruder die Tore, wenn wir einen Tag und eine Nacht fort sind. Nicht eher, hast du verstanden?«
»Gewiss, mein Gemahl.«
Er sah sie scharf an, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, ich glaube, ich möchte mein Leben lieber doch nicht deiner Loyalität anvertrauen. Wahrscheinlich überlegst du gerade, wie du Otto von unseren Fluchtplänen in Kenntnis setzen kannst, nicht wahr?«
Gerberga sah langsam auf. »Wie Henning eben so scharfsinnig ausgeführt hat, bin ich die Herzogin von Lothringen, Giselbert, und Lothringen hat sich gegen Otto erhoben. Wenn du mich hier zurücklässt, werde ich tun, was immer nötig ist, um meine Kinder vor seinem Zorn zu bewahren.«
Aber nach wie vor erschien sie Henning verdächtig gelassen. Sie hatte nicht wirklich Angst vor Otto. Und wieder dachte er, dass Gerberga einen Trumpf im Ärmel hatte, von dem niemand etwas ahnte.
»Wir sperren sie ein«, sagte er in die kurze Stille. »Die Wachen können sie rauslassen, wenn wir einen sicheren Vorsprung haben, und dann kann sie sich vor Otto in den Staub werfen und ihm die Füße küssen. Das hat er ja besonders gern.«
Giselbert ließ Gerberga nicht aus den Augen. »Ich glaube, das ist eine hervorragende Idee.«
Gerberga stickte unbeirrt weiter. Sie sah nicht einmal auf.
Henning trat zu ihr und blickte auf sie hinab. »Du solltest für unseren Erfolg beten, Schwester. Wenn es uns nicht gelingt, Otto in die Knie zu zwingen, sehe ich schwarz für die Zukunft deines Sohnes.«
Ihr vierjähriger Heinrich war Gerbergas Augenstern. Anders als seine ältere Schwester und seine Zwillingsschwester war er indes kränklich und nicht sehr lebhaft, und Henning wusste, dass Gerberga in ständiger Sorge um ihren Jungen war. Auf einmal erschien es ihm furchtbar wichtig, ihr Angst einzujagen, um sie zur Räson zu bringen.
»Was denkst du, wie es Heinrich bekommen würde, wenn Otto ihn aus den Armen seiner Mutter reißt und als Geisel ins kalte Magdeburg verschleppt, wo dein Bübchen Edithas … wie wollen wir’s nennen? … etwas herber Fürsorge anheimfiele?«
Es wirkte. Gerberga ließ den Handstickrahmen sinken und sah ihren Bruder an. Das Blau ihrer Augen konnte ebenso stechend sein wie Ottos, und genau wie Otto vermochte sie jede Empfindung aus ihrem Blick fernzuhalten. »Ich denke, meinem Sohn könnten schlimmere Dinge geschehen«, erwiderte sie, und das leichte Beben in ihrer Stimme entlockte Henning ein triumphales Lächeln.
»Ganz sicher«, stimmte er zu.
Judith unterbrach das geschwisterliche Kräftemessen. »Und was soll aus mir werden, mein Prinz?« Sie wies auf ihren runden Bauch. »Ich kann mich von keiner Palisade mehr abseilen, fürchte ich.«
»Du musst hierbleiben, es geht nicht anders«, beschied Giselbert, der nicht nur seine Gemahlin, sondern alle Frauen behandelte wie Stechmücken: als unvermeidbares, aber harmloses Übel.
»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, entgegnete Henning schneidend. Er stierte seinen Schwager an und malte sich aus, wie es wäre, ihn bei seinem gestriegelten weißen
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