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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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Schopf zu packen und ihm mit einer stumpfen, rostigen Klinge die Kehle durchzuschneiden. Wie immer in solchen Fällen war die Vorstellung lebhaft und detailreich, und wie immer dauerte sie nicht länger als ein Blitzschlag. Aber sogleich wurde ihm besser. »Anders als du schätze ich meine Gemahlin, Giselbert. Anders als du wäre ich erpressbar, wenn sie Otto in die Hände fiele.«
    Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie ungeniert auf die Lippen.
    Judith blühte immer auf, wenn er ihr in der Öffentlichkeit seine Zuneigung bekundete, so auch jetzt. Ihre Wangen röteten sich ein wenig, und ein Funkeln trat in ihre Augen. Das hörte nie auf, ihn zu faszinieren.
    »Ihr müsst mit über die Palisade, Prinzessin, es gibt keine andere Möglichkeit«, sagte Volkmar eindringlich. »Vielleicht kann einer von uns Euch auf den Rücken nehmen, und wir binden Euch mit einem Seil fest. Oder …«
    Wie so oft war Judith selbst diejenige, der die praktikable Lösung einfiel. »Ein Weidenkorb«, sagte sie, nahm einen Moment ihre üppige Unterlippe zwischen die Zähne, dachte nach und nickte dann. »Wir nehmen einen der großen Vorratskörbe, in denen die Köche Getreidesäcke unter die Decke hängen, damit die Ratten nicht herankommen. Und darin seilt ihr mich ab.«
    »Du wirst abstürzen und dir den Hals brechen«, prophezeite Gerberga. »Wie kannst du dein Kind in solche Gefahr bringen?«
    Henning sah seine Schwester an und erkannte, dass er sie genauso leidenschaftlich verabscheute wie Otto. Und aus genau demselben Grund: Gerberga gab vor, immer zu wissen, was recht und was unrecht war, hielt unbeirrbar an ihren ehernen Grundsätzen fest und urteilte harsch über die gewöhnlichen Sterblichen, deren Schwächen gelegentlich über ihre Grundsätze oder guten Absichten siegten. Sie blickte auf sie herab, als seien sie Regenwürmer, die zu ihren Füßen kreuchten. Henning wurde übel von ihrer selbstgerechten Überheblichkeit.
    »Wiprecht und ich werden dich abseilen«, versprach er Judith. »Und du wirst nicht abstürzen.« Er sah zu seiner Schwester: »Falls doch, statte ich dir noch einen Besuch ab, eh ich gehe, Schwester, weil du mein Unglück herbeigeredet hast.«

Brandenburg, Juli 939
    »Ich kann dich nicht freilassen, Asik«, sagte Tugomir. »Aber du bist fortan meine Geisel, kein Sklave mehr, und ich werde dir das gleiche Maß an Höflichkeit entgegenbringen wie Otto mir.«
    »Dann bin ich dankbar, dass der König während Eurer Geiseljahre über Euch zu bestimmen hatte und nicht mein Vetter Gero, Fürst«, antwortete Asik.
    Tugomir lächelte flüchtig. »Ich auch, glaub mir. Du kannst dich wieder anziehen. Die Knochen sind tadellos verheilt, würde ich sagen.«
    Bei Tugomirs Heimkehr hatte Asik zwei gebrochene Rippen gehabt, weil drei betrunkene Triglav-Priester bei einem Fest in der Halle ihr Mütchen an dem sächsischen Sklaven gekühlt hatten. Tugomir hatte gewusst, es wäre eine Torheit gewesen, vor den Hevellern Mitgefühl oder auch nur Interesse für Asik zu zeigen, argwöhnten sie doch ohnehin, dass er mehr Sachse als Slawe war. Aber er hatte Asik als persönlichen Sklaven beansprucht – wogegen niemand Einwände erheben konnte – und dafür gesorgt, dass er weitgehend aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwand. Einen Monat war das jetzt her. Tugomir kam es eher vor wie ein Jahr …
    »Du kannst von Glück sagen, dass niemand hier von deiner Verwandtschaft mit Gero weiß.«
    Asik zog sich den schäbigen Kittel über den Kopf. »Bestimmt. Es war auch so schlimm genug, glaubt mir.« Die Bitterkeit in seiner Stimme war unüberhörbar.
    Tugomir nickte. Asiks Oberkörper sah genauso schlimm aus wie seiner, war mit Narben von Peitschenhieben und anderen Scheußlichkeiten übersät. Niemand hier mochte wissen, dass er Geros Cousin war, aber alle wussten, dass er Ottos Merseburger Raufbolde in die Schlacht gegen Boleslaw von Böhmen geführt hatte. Im Zweikampf mit Boleslaw hatte er einen Dolch zwischen die Rippen bekommen, und der böhmische Fürst hatte ihn für die Krähen liegenlassen. Doch als die Nachhut an Asik vorbeizog, bewegte sich der Totgeglaubte plötzlich und jagte den Böhmen einen ordentlichen Schrecken ein. Sie warfen ihn auf ein Proviantpferd und nahmen ihn mit, und als Asik wider alle Wahrscheinlichkeit gesund wurde, schickte Boleslaw ihn als Geschenk an seinen jungen Vetter Dragomir, den Fürsten der Heveller. Und die Heveller hatten Asik ihren Zorn auf König Otto und vor allem auf Graf Gero

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