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Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Rebecca Gablé
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würde wissen, was zu tun war, wenn Henning anfing, Märchen zu erzählen.
    »Meinetwegen«, antwortete der Jüngere achselzuckend, beugte sich über seine Schale und schaufelte Eintopf in sich hinein. Er war ein auffallend gutaussehender junger Mann, mit dem rötlich blonden Haar ihres Vaters und den ebenmäßigen Zügen ihrer Mutter gesegnet, doch die zusammengesunkene Haltung, die er beim Essen einnahm, ließ ihn gedrungen wirken, fast wie einen buckligen Zwerg. Geros Gemahlin Judith beobachtete ihn unter halb gesenkten Lidern hervor, und ihre zusammengepressten Lippen verrieten, dass ihr nicht sonderlich gefiel, was sie sah.
    Otto musste sich auf die Zunge beißen, um seinen Bruder nicht zurechtzuweisen.
    Eine Faust hämmerte gegen die Tür.
    Tugomir war sofort hellwach, denn er war an unterbrochene Nächte gewöhnt.
    »Prinz Tugomir?«, rief eine Stimme auf Slawisch. »Bist du wach?«
    Jetzt schon . Er stand auf und zog das wollene Obergewand an, das über dem Fußende gehangen hatte. Dann ging er zur Tür und öffnete. »Was gibt es denn?«
    Ein Daleminzerjunge mit einer Fackel in der Hand stand draußen und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Oh, den Göttern sei Dank«, keuchte er. Er war außer Atem – offenbar war er gerannt. »Komm mit mir. Schnell, ich bitte dich.«
    »Milegost.« Tugomir zog ihn über die Schwelle, streifte die Schuhe über und schnürte eilig die gekreuzten Bänder. »Sag mir, wer es ist und was ihm fehlt.«
    »Ich weiß nicht.« Milegost rang immer noch um Atem. »Graf Gero hat gesagt, ich soll dich holen.«
    Tugomirs Hände verharrten. »Graf Gero?«
    »Ja. Und er hat gesagt, wenn ich nicht schnell genug mit dir zurück bin, röstet er mir die Eier.«
    Tugomir verzog den Mund. »Eine seiner liebsten Drohungen. Nur die Ruhe, Junge.« Er beugte sich über Semela, der in eine Decke eingerollt auf einem Schaffell neben dem Herd schlief, und rüttelte ihn leicht an der Schulter.
    Semela brummte und richtete sich schlaftrunken auf einen Ellbogen auf. »Was …?«
    »Du schläfst wie ein Säugling«, schalt Tugomir leise. »Werd wach und mach dich bereit.«
    »Wofür?«
    »Keine Ahnung. Ich schicke dir Nachricht, wenn ich dich brauche. Schlaf ja nicht wieder ein.«
    »Woher denn …« Semela gähnte herzhaft und fuhr sich mit beiden Händen durch den wilden Blondschopf.
    Tugomir führte Milegost aus dem Haus, zog die Tür hinter sich zu und folgte dem verängstigten jungen Mann zum Gästehaus, das gleich neben dem großen Pferdestall gegenüber der Halle lag. Es hatte aufgehört zu regnen. Im Gehen schaute Tugomir zum Himmel auf. Die Wolken waren aufgerissen, und im Westen entdeckte er die hell strahlende Zora, die die Sachsen den Abendstern nannten. Aber natürlich wussten die Sachsen nichts über die Sterne. So wie der Mond der kleine Bruder der Sonne war, war Zora ihre kleine Schwester, und ihr Licht ein Schutz gegen die bösen Geister, welche bei Nacht umgingen. Darum war Zora für jeden Heiler ein willkommener Anblick.
    Die Tür zum Gästehaus wurde aufgerissen, noch ehe sie sie ganz erreicht hatten. »Komm schon, beeil dich«, schnauzte Gero. Die Hand, die das Öllicht hielt, schien nicht ganz ruhig; die kleine Flamme zitterte.
    Wortlos trat Tugomir in die schmucklose Vorhalle des strohgedeckten Fachwerkhauses. Gegenüber der Tür öffnete sich ein Korridor, von dem auf beiden Seiten je drei Türen abgingen – die Gästequartiere. Gero öffnete die erste auf der rechten Seite.
    »Warte hier, Milegost«, bat Tugomir, ehe er Gero in die Kammer folgte. Sie war größer, als er angenommen hatte, und behaglich. Wollene Behänge bedeckten die Wände, das Bett an der Wand gegenüber der Tür war reichlich mit Federkissen ausgestattet und breit genug für eine ganze Familie. Mitten im Raum stand eine geöffnete Reisetruhe, über deren Rand unordentlich ein paar Kleidungsstücke hingen. Einige Schemel umstanden einen schmiedeeisernen Ständer mit einem Kohlebecken, und auf einem davon hockte Geros Frau mit zwei kleinen Jungen auf dem Schoß. Alle drei wirkten verängstigt.
    Gero führte Tugomir zu dem ausladenden Bett. »Hier.«
    Im ersten Moment glaubte Tugomir, es sei seine Vila, und um ein Haar wäre er zurückgeschreckt. Aber das war natürlich Unsinn. Vily waren Wasserelfen und pflegten daher nicht in sächsischen Häusern zu erscheinen, schon gar nicht in sächsischen Betten. Sein Irrtum war indes nicht verwunderlich: Das Geschöpf, das da bleich und fiebernd mit

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