Das Haupt der Welt: Historischer Roman (German Edition)
geschlossenen Augen zwischen zerwühlten Kissen lag, war schön genug, um es für eine Elfe zu halten. Und es wirkte unirdisch in seiner Zartheit und Blässe. Als sei es schon nicht mehr ganz Teil dieser Welt. Das lange Haar war zerzaust, der Zopf aufgelöst, aber im Licht der Öllampe schimmerte es wie Harz im Sonnenschein. Die Züge waren fein gezeichnet, die blonden Brauen wie Striche, die ein schmaler Pinsel gezogen hatte.
Tugomir sah zu Gero. »Deine Tochter?«
Der Graf nickte, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Seine Miene war angespannt, und über der Nasenwurzel hatte sich die altbekannte Zornesfalte gebildet.
»Du hast wirklich Nerven, Mann«, sagte Tugomir leise. Wie viele slawische Frauen hast du ermordet, Gero? Wie viele geschändet? Mit welchem Recht forderst du meine Hilfe?
Doch das Schlimmste war, wusste Tugomir, dass er es trotz allem versuchen musste. Das war etwas, was die vergangenen Jahre ihn gelehrt hatten: Er hatte sein Schwert verloren, als Otto die Brandenburg nahm, also war er kein Krieger mehr. Er hatte das Vertrauen zu seinen Göttern verloren, als sie Annos Leben forderten, während die Vorburg schon brannte, also war er kein Priester mehr. Er hatte seine Heimat verloren, also war er kein Fürst mehr. Aber er war immer noch Heiler. Und das bedeutete, dass er niemandem seine Hilfe versagen durfte. Es geschah oft genug, dass er nichts tun konnte. Doch er musste es wenigstens versuchen, ganz gleich ob Sachse oder Slawe, Mann oder Frau, Fürst oder Sklave, denn wenn er seine Hilfe verwehrte, war er auch kein Heiler mehr. Und was blieb ihm dann noch?
Er legte dem Mädchen die linke Hand auf die Stirn. Sehr heiß, aber trocken. Mit der Rechten ergriff er ihr Handgelenk und fühlte den Puls. Schnell und holpernd.
»Ich will nicht, dass du sie anrührst«, knurrte Gero.
Ohne Hast ließ Tugomir sie los. »Nein? Na schön. Dann werde ich gehen und meine unterbrochene Nachtruhe fortsetzen.«
Gero packte ihn beim Arm. »Du wirst bleiben und ihr helfen!«
Tugomir sah ihm in die Augen und sagte nichts.
Gero nahm schleunigst die Hand von seinem Arm. »Hilf ihr! Tu irgendwas, sie verbrennt vor Fieber. Hilf ihr, und ich gebe dir mehr Silber, als du tragen kannst.«
Tugomir schnaubte verächtlich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es gibt nichts auf der Welt, das ich von dir haben will«, stellte er klar. »Verschwinde. Schaff deine Söhne hinaus, am besten bringst du deinen Bruder und seine Familie ebenfalls aus dem Haus, bis ich weiß, ob es etwas Ansteckendes ist. Deine Frau kann bleiben, wenn sie den Mut hat, ich brauche ein paar Antworten. Schick Milegost zu Semela, er soll mir den Feuerkorb bringen. Und vielleicht könntest du zur Abwechslung einmal darauf verzichten, dem Jungen zu drohen.«
»Feuerkorb?«, wiederholte der Graf, als sei er nicht sicher, ob er das Wort richtig verstanden hatte.
Tugomir nickte nur und wandte ihm den Rücken zu. Während Gero seiner Frau befahl, dem Heiler zur Hand zu gehen, und seinen kleinen Söhnen, mit ihm hinauszukommen, schlug Tugomir die wollenen Decken und das Laken zurück, und der scharfe Geruch von Essig drang ihm entgegen. Das kranke Mädchen war züchtig mit einem wadenlangen Leinenhemd bekleidet, aber zumindest die Arme waren unbedeckt, und er entdeckte weder Pusteln noch Ausschlag. Sie wimmerte leise, schmale, lilienweiße Hände tasteten vergeblich nach der Decke. Dann rollte sie sich auf die Seite und krümmte sich zusammen.
»Ich habe ihr Essigfußwickel gemacht«, sagte Geros Gemahlin und trat zu ihm. »Aber sie scheinen nichts gegen das Fieber auszurichten.« Man sah ihr an, dass sie sehr besorgt war. Ihr Name war Judith, wusste Tugomir, und sie war eine Grafentochter aus Thüringen, die dem guten alten Gero jede Menge Land eingebracht hatte. Sie musste Ende zwanzig sein, und wenn man sie ansah, wusste man, woher ihre Tochter die elfenhafte Schönheit hatte.
Tugomir wandte den Blick ab und legte den Handrücken nochmals an die Stirn der Kranken. »Das Fieber ist sehr hoch«, befand er. »Wir müssen sofort etwas dagegen tun. Wir brauchen kaltes Brunnenwasser und Tücher.«
Sie nickte. »Ich schicke eine Magd.«
Sie verschwand, und Tugomir deckte die Kranke mit dem Laken zu, das sie sich sofort bis über die Schulter zog. Doch die Felle und Wolldecken warf er auf den Boden. Er wusste, das Fieber war kritisch, und es würde weiter steigen, wenn die Hitze ihres Körpers sich unter den Decken staute. Er trat ans Fenster und
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