Das Haus Der Schwestern
wissen, daß sie hier oben festsaß und hungerte. Er würde nicht ohne weiteres einwilligen, eine Nacht verstreichen zu lassen, ehe er zu ihr zurückkehrte. Vielleicht würde er überhaupt nicht einwilligen.
Sie wußte, daß es ihr nichts brachte, zu grübeln. Sie mußte sich beschäftigen. Wenn sie die ganze Zeit aus dem Fenster starrte und die Schneeflocken zählte, würde sie verrückt werden.
Schließlich lief sie hinauf in ihr Schlafzimmer, griff sich den Stapel mit den restlichen Blättern. Sie würde Frances’ Geschichte heute zu Ende lesen. Und felsenfest daran glauben, daß Ralph währenddessen nichts geschah.
Sie setzte sich ins Eßzimmer, weil sie an dem großen Tisch am besten schmökern konnte. Sie blätterte ein wenig herum, übersprang ein Stück — die erste Zeit nach Charles Grays Tod, dann der Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, der harte Winter...
Sie begann mit dem Jahr 1942.
Januar bis April 1942
Im Januar 1942 verschwand George. Es war tatsächlich so: Plötzlich war er nicht mehr da.
Frances war drei Wochenenden hintereinander nicht bei ihm gewesen, da der Schnee zu hoch lag und sie es nicht riskieren konnte, das Auto in Bewegung zu setzen. Zum Glück hatte sie ihm, einem Instinkt folgend, noch kurz vor Weihnachten genügend Lebensmittel gebracht, so daß er eine ganze Weile damit über die Runden kommen konnte. Dennoch wurde sie die ganze Zeit über ein ungutes Gefühl nicht los. Als Mitte Januar die Straßen weitgehend frei waren, machte sie sich, obwohl es nicht einmal der obligatorische Sonntag war, sofort auf den Weg.
Das Cottage stand leer, und zuerst dachte Frances, das sei ja kein Wunder, denn George rechnete natürlich unter der Woche nicht mit ihr und war vielleicht einfach spazierengegangen. Dann jedoch fielen ihr ein paar Merkwürdigkeiten auf: George hatte sein Zuhause immer sauber gehalten, aber jetzt lag Staub auf allen Möbeln, und Spinnweben wucherten in den Ecken. In der Speisekammer schimmelten die Lebensmittel vor sich hin, die Frances ihm im Dezember gebracht hatte. Die Ölfarben waren eingetrocknet, offensichtlich seit Wochen nicht mehr angefaßt worden. Seine Gemälde — er hatte sie immer wieder übermalt, sonst hätte er nirgendwo Platz für seine vielen Werke gefunden — lagen lieblos gestapelt gleich neben der Küchentür. Die üblichen verzerrten Fratzen schrien Frances entgegen; Farben, die an das Fegefeuer erinnerten, züngelten über die Leinwand. Die zahlreichen Pinsel hatte George nicht wie sonst sorgfältig in Terpentin gereinigt, sondern farbverschmiert liegenlassen; sie waren steif und borstig geworden. Alles deutete darauf hin, daß George bei seinem Fortgang nicht die Absicht gehabt hatte, wiederzukommen. Aber wohin hätte er gehen sollen?
Frances lief den Spazierweg ab, den George manchmal zu benutzen pflegte. Über die Wiesen oberhalb der Steilküste entlang, und dann den halsbrecherischen Pfad zum Meer hinunter, der in einer kleinen Bucht mit steinigem Strand mündete. Es war ein klirrend kalter Tag, das Meer war von bleigrauer Farbe, und über den Himmel jagten düstere Wolken. Frances kletterte zwischen den Felsen und dem angeschwemmten Strandgut herum und rief Georges Namen, aber der Wind und die donnernde Brandung trugen ihre Stimme fort. Völlig durchnäßt von der Gischt und halb erfroren machte sie sich schließlich auf den Rückweg.
Sie wartete in Georges Hütte bis zum Abend, zitterte vor Kälte und lauschte gespannt auf jedes Geräusch. Aber sie vernahm nur das Heulen des Sturms und die Schreie der Möwen. Zu später Stunde endlich brach sie auf. Sie machte halt bei Georges nächsten Nachbarn, die beinahe zwei Meilen entfernt von ihm lebten. Die Bauern betrachteten sie mißtrauisch, erinnerten sich aber schließlich, sie schon einige Male in der Gegend gesehen zu haben. Nein, den Sonderling von Staintondale hatten sie lange nicht mehr zu Gesicht bekommen; aber das mußte nichts heißen, denn wann war er überhaupt jemals irgendwo aufgetaucht?
»Wenn Sie irgend etwas von ihm hören, könnten Sie mir dann Nachricht geben? « Hoffnungsvoll sah sich Frances in der niedrigen Stube um, die überhitzt war vom Kaminfeuer und überladen mit geschmacklosen Nippes. »Haben Sie ein Telefon?«
Sie hatten natürlich keines. Aber es gab jemanden in Staintondale, der eines besaß.
»Ich lasse Ihnen meine Nummer hier«, sagte Frances. Sie schrieb sie auf einen Notizblock, riß das Blatt ab
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