Das Isaac-Quartett
Mann, wie bist du an diese Utensilien gekommen?«
»Ruhig«, sagte Rupert und schob ihn in den Korridor. »Das habe ich aus dem Wäscheschrank gestohlen.«
»Und was ist mit dem Stuhl?«, fragte Stanley und rüttelte an den Armlehnen.
»Den habe ich aus der Schwesternstation geholt.«
»Einfach spitze … Rupe, die Bullen da drinnen, die hätten dir das Gesicht vom Kopf geschossen, wenn sie dahintergekommen wären, dass du Rupert der Lollipop bist. Sie haben keinen Verstand. Aber sie waren nett zu mir.«
Sie fanden einen Lastenaufzug, mit dem sie ins Erdgeschoss fahren konnten. Rupert kommandierte Krankenschwestern und Angestellte herum. Seine offizielle Barschheit übertünchte die Unlogik, die darin lag, dass ein Junge mit Gips an Händen und Füßen im Schlafanzug auf einem Rollstuhl St. Bartholomew verließ. Rupert schubste ihn in ein Taxi, indem er den Rollstuhl im rechten Winkel zur Autotür aufstellte. Der Fahrer wollte dem Jungen helfen, den Rollstuhl zusammenzuklappen. »Lassen Sie das sein«, knurrte Rupert. Sie holperten über die Ebene von Corona. Die Heiterkeit war verflogen. Der Gedanke an Esther stimmte die beiden trübsinnig.
Das Taxi war statisch aufgeladen; Stanley rieb sich die Knie auf. Er konnte sich nicht in die Polster kuscheln, ohne kleine Elektroschocks zu erleiden. Rupert kam ihm mit seinem eingefallenen Kiefer seltsam vor; der Anblick war ihm fremd. Bis vor einem Monat war er Stanleys pausbäckiger Messias gewesen. Für Stanley war es eine Qual, ein Buch zu lesen – das englische Alphabet verursachte ihm Brechreiz –, doch Rupert konnte aus jedem Text Bedeutungen herauslesen. Mit seinen Überlegungen zu Coleridge, Karl Marx und Shakespeares Leiche machte er die Lehrer in Seward Park fertig. Für Rupert war die Welt selbstmörderisch. Er vermittelte Stanley ein Gefühl für die Polaritäten zwischen Manhattan und Hongkong. Die Reichen klettern immer höher, sagte Rupert, und die Armen zittern wie Küchenschaben auf dem Dosenboden. Sie erdrücken einander und sterben. Stanley versuchte, sich gegen Ruperts Auffassung zu sperren. »Was weißt du schon über Hongkong?«, sagte er. »Warst du dort, Rupe?« Der Messias sog seine Backen ein, die damals noch runder waren.
»Schmock, wenn ich Hongkong will, sehe ich dich an.«
Stanley hätte Rupert das Ohr ausreißen können. Mit einem gekrümmten Finger hätte er ihm das Nasenbein brechen können. Er hätte Rupert skalpieren können, nach Indianerart, wenn er ihm die Schläfen zusammengedrückt hätte, bis der Messias das Brennen in seinem Schädel spürte. Er achtete die Gelehrsamkeit zu hoch und ließ seine Finger aus Ruperts Gesicht.
Der Messias versagte nicht. Er fand etwas, woran er seine Ideen festmachen konnte: Isaac Sidel. Der Chef war zu einer Abschlussfeier nach Seward Park zurückgekehrt und hatte die Eröffnungsrede gehalten. Rupert zeigte auf die Stickerei auf dem Ärmel des bedeutenden Mannes – Isaac trug seinen Riverdale-Mantel. »Das ist der Sack, der uns alle beherrscht.« Isaac ließ sich über Möglichkeiten aus, über die Aufgeschlossenheit seines Präsidiums gegenüber neuen Vorschlägen und frischem Blut, über die Arbeit eines Kriminalbeamten in New York; er hatte den hübschen Knaben mitgebracht. Er stellte Coen zur Schau. Die Mädchen himmelten ihn von ihren Plätzen aus an. Blue Eyes wurde aufgefordert, seine Waffe zu zeigen. Rupert und Stanley rutschten tief in ihre Sitze hinein. Das Gift ging von einem zum andern über; ihre Zungen waren rau.
Das Taxi schaffte es nicht nach Chinatown. Auf der Mott Street drängten sich die Festgäste. Daher mussten sie an der Canal Street aussteigen. Rupert stellte seinen Körper als Krücke zur Verfügung. Stanley konnte mit seinen eingegipsten Zehen nur kleine Hopser machen. Von der Bayard Street aus gelangten sie in die Mott. Feuerwerkskörper dröhnten in ihren Ohren und trieben ihnen Rauch und unmögliche Geräusche ins Gesicht. Rupert erbebte unter der Taubheit, die sich in seinem Kopf breitmachte. Straßentänzer, die Drachenmasken mit rausgearbeiteten Augen und Hörnern hatten, die bis zu den Feuerleitern reichten, schlitterten hinter den Jungen her und drängten sie gegen Hydranten und die Fenster der Obst- und Gemüseläden. Sie lachten über die Transparente des Republikaner-Clubs der Pell Street, auf denen das Neujahr mit Slogans geehrt wurde, die von Knallfröschen durchlöchert waren.
Sie erreichten die New Territories Teestube,einen Treff für Gentlemen
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