Das Jahr der Kraniche - Roman
wollte, dass Jans Leben wieder gut geworden war? Dass er neuen Mut und eine echte neue Perspektive gefunden hatte? Nichts hatte er sich in den letzten Jahren mehr gewünscht, als Jan glücklich zu sehen. Und jetzt war es passiert. Und es hatte Hanno in noch viel größere Ängste gestürzt als die, denen er bisher ausgesetzt gewesen war.
Der Hund hob den Kopf, als er den Mann auf das Haus zukommen sah. Er erhob sich zu seiner vollen Größe. Seine Nackenhaare stellten sich zu einem Kamm auf. Das leise Knurren schwoll zu einem drohenden Grollen an.
Hanno fühlte eine kalte Hand an sein Herz greifen.
Der Hund war wieder da!
Die Bäume rauschten plötzlich tosend in seinen Ohren, ein Schwindel erfasste Hanno. Seine Knie gaben nach. Es wurde dunkel um ihn.
5
Sie waren an der Stadtmauer, die aus dicken Feldsteinen gebaut war, entlanggewandert, durch das Berliner Tor Richtung Marktplatz gegangen, durch die enge Straße mit den hübschen kleinen Häuschen an der Georgenkapelle vorbei zur Maria-Magdalena-Kirche, deren goldene Kuppel in der Sonne leuchtete, mäanderte, hatten in der kleinen Bäckerei in der Kantstraße Brot und Brötchen gekauft und sich auf dem Markt, der um das hübsche, weiß-rosa Rathaus mit dem kleinen Türmchen aufgebaut war, bei den Bio-Bauern– die es, wie Jan ihr erklärt hatte, in der Uckermark zahlreich gab– mit Obst, Gemüse, Eiern, Käse und Fleisch eingedeckt. Viel war in den zehn Jahren, in denen Jan nicht hier gewesen war, passiert. Das Städtchen, dessen historischer Kern komplett von der hohen Stadtmauer umgeben war, hatte sich zu einem kleinen Schmuckstück gemausert, dessen alte Häuser in neuem Glanz erstrahlten. Der blaue Himmel, auf den weiße Wolken getupft waren, die vergnügten Kinder, die am Brunnen spielten, beobachtet von ihren Müttern, die Eis essend die ersten warmen Tage auf den Bänken des Marktplatzes genossen, gaben der »Perle der Uckermark« ein fast südliches Flair. Jan war zutiefst erleichtert, als er die Freude sah, mit der Laura die kleine Stadt erkundete. Er hatte bemerkt, dass ein paar Leute ihnen neugierig nachsahen. Natürlich erinnerte sich der eine oder andere an ihn. Und ganz sicher auch an seine Geschichte. Doch das, was er heimlich befürchtet hatte, war nicht eingetreten. Niemand hatte ihn darauf angesprochen, was damals passiert war. Vielleicht hatten es die Leute auch einfach vergessen. Das Leben im Osten Deutschlands war bestimmt nicht einfach gewesen. Seit dem Mauerfall hatte sich hier alles auf den Kopf gestellt. Viele Biografien waren durchgeschüttelt worden, viele Familien auseinandergerissen. Es war für viele sicher mühsam gewesen, sich nach der Euphorie der Wiedervereinigung, die schnell in ein grausames Erwachen mit Arbeitslosigkeit und Landflucht gemündet war, den Boden unter den Füßen zurückzuerobern. Das, was jetzt so reizend aussah, war das Ergebnis intensiver Bemühungen.
»Wenn ich gewusst hätte, wie hübsch es hier ist, wäre ich schon viel früher hierhergekommen.«
Laura stopfte das zweite Stück Blechkuchen mit Kirschen in sich hinein, was ihr ohne Probleme gelang, obwohl sie auf dem Markt gerade erst ein paar Lammbratwürste gegessen hatten. Ohne Umschweife nahm sie seine Hand und legte sie auf ihre linke Brust.
»Spürst du das? Mein Herz hüpft wie verrückt.«
»Vor Aufregung?«
»Vor Freude! Vor himmelhochjauchzender Freude.« Sie rückte ihren Stuhl näher an den seinen, sodass ihre Schulter seinen Arm berührte.
»Alles ist so viel toller, als ich es mir vorgestellt hatte. In meinem ganzen Leben hat es keinen Tag gegeben, an dem ich glücklicher gewesen bin.«
Und eines Tages werden wir hier sitzen, und es werden unsere Kinder sein, die am Brunnen spielen. Wir werden uns am Samstag nach dem Einkaufen hier mit unseren Freunden zum Frühstück treffen, und nachmittags werden wir mit dem Boot auf den See fahren.
Diese Mutter, die da gerade hinter ihrem Kleinkind herrannte, das würde sie sein. Und Jan dieser Mann, auf dessen Schultern ein kleiner Junge saß, der konzentriert an seinem Eis schleckte und sich vor Lachen darüber ausschütten wollte, dass es in den Nacken seines geduldigen Vaters tropfte. Jan würde ein liebevoller Vater sein und sie, natürlich, eine großartige, geduldige Mutter, die sich jeden Tag neue lustige Spiele für ihren Nachwuchs ausdenken würde.
»Meinst du, dass wir den Hund behalten können?« Wie die zwei Kinder gehörte auch ein großer Hund zu dem Bild, das sie von ihrer
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