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Das Lied der alten Steine

Das Lied der alten Steine

Titel: Das Lied der alten Steine Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Barbara Erskine
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bedeuten?«, fragte sie forsch.
    »Wessen hat er mich beschuldigt? Dieser Mann ist wirklich lästig. Er ist mir ohne Aufforderung gefolgt, hat meine Besichtigung unterbrochen und mir den ganzen Tag verdorben.
    Und jetzt bei meiner Rückkunft muss ich feststellen, dass er hinter meinem Rücken irgendwelche Anschuldigungen vorgebracht hat. Was genau hat er denn geruht, über mich zu sagen?«
    Augusta ließ sich auf einem der Stühle nieder und faltete die Hände im Schoß. »Er hat uns von Hassan erzählt, meine Liebe, und von seinem völlig unakzeptablen Benehmen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Leid mir das tut. Er hatte so gute Empfehlungen.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber ach, ich glaube, Sie sind eine sehr anziehende Frau«, ihr Ton machte deutlich, dass dies als Kritik gemeint war, »und Sie und er haben so viel Zeit zusammen verbracht. Da konnte er sich nicht beherrschen.
    Und da war noch etwas.« Sie hielt stirnrunzelnd die Augen auf Louisas Gesicht gerichtet. »Roger hat mir – natürlich vollkommen diskret – mitgeteilt, dass sie«, hier zögerte sie zum ersten Mal und sah auf einmal sehr verlegen aus, »dass Sie nicht angezogen waren, wie es sich ziemt! Sie haben so etwas wie Eingeborenentracht getragen, das sehr aufreizend und völlig unmöglich war für eine anständige Frau!« Ihr Gesicht begann zu glühen und sie griff in ihren Ärmel und holte ein Spitzentaschentuch heraus, um sich die Oberlippe abzutupfen.
    »Hat mir Lord Carstairs also nachspioniert, um diese Anschuldigungen zu erheben?«, fragte Louisa hitzig. »Ich entsinne mich nicht, ihn je gebeten zu haben, sich zu mir zu gesellen. Das Kleid, auf das er sich bezieht, habe ich aus England mitgebracht«, fuhr sie wütend fort. Ein kurzer Augenblick von schlechtem Gewissen war ebenso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. »Es ist keinesfalls Eingeborenentracht, wie er es bezeichnet. Es ist kühle Kleidung, vernünftig für dieses Klima und in keiner Weise unziemlich, das kann ich Ihnen versichern.« Sie erstickte geradezu vor Wut.
    »Was Hassan betrifft, so hat er sich mir gegenüber nie anders als respektvoll verhalten. Wie kann Lord Carstairs es wagen, etwas anderes zu behaupten! Er beleidigt mich, Augusta!«
    Augusta stand erregt auf und ging zwei oder drei kleine Schritte im Salon auf und ab. »Nein, meine Liebe. Das hat er überhaupt nicht gewollt. Er hatte Recht, mit John und mir zu sprechen, wirklich Er macht sich Sorgen um Ihren guten Ruf. Er bewundert Sie, Louisa. Er hat große Achtung vor Ihrem Talent, das er uns gegenüber als beträchtlich bezeichnet hat.« Sie nahm einen der Briefe vom Beistelltisch und fächelte sich damit Luft zu. »Er hat es gut gemeint, meine Liebe, wirklich.«
    »Wenn es so ist, dann habe ich Sie ja in allen Einzelheiten beruhigen können.« Louisa fühlte die Hitze in ihrem Gesicht.
    »Verzeihen Sie, Augusta, ich muss mich vor dem Abendessen noch umziehen.« Sie blieb an der Tür stehen. Augusta starrte bewegungslos auf den Boden und plötzlich tat sie Louisa sehr Leid. »Ich zeige Ihnen nachher ein paar meiner Zeichnungen, wenn Sie wollen, Augusta. Dann können Sie selbst sehen, was ich den ganzen Tag auf meinen Ausflügen zu den Tempeln tue.«
    Bislang hatte die Lady keinerlei Anteil an ihren Zeichnungen genommen. »Und sobald wir den Katarakt passiert haben, werden auch Sie sehen, wie schön diese Insel ist«, fügte sie sanft hinzu.
    Erst nach dem Essen, als Augusta schon zu Bett gegangen war und Sir John und Louisa bei parfümiertem Tee im gedämpften Licht einer einzigen Lampe im Salon saßen, ließ Sir John die Bombe platzen.
    »Ich habe dem Konsul eine Nachricht geschickt mit der Bitte, uns einen Dragoman für den Rest der Reise zu empfehlen.«
    Louisa stellte ihre Tasse ab. »Ich brauche keinen anderen Dragoman. Hassan ist ideal für mich.«
    Er schüttelte den Kopf. »Ich habe Hassan entlassen.« Er betrachtete eingehend seine Zigarre und drehte sie zwischen den Fingern hin und her.
    »Was haben Sie getan?« Louisa konnte sich nicht rühren. Sie

    blickte nicht auf. Eine schwarze Woge schien sie unter sich zu begraben.
    »Ich habe ihn weggeschickt. Er war ein recht netter Mann, aber er entsprach nicht ganz dem nötigen Standard, finden Sie nicht auch?« Er steckte die Zigarre in den Mund. »Seien Sie nicht traurig. Wir finden einen neuen für Sie, meine Liebe. Das wird Ihre kleinen Malausflüge keineswegs behindern.« Er hielt inne. »Sie werden sowieso nicht weggehen wollen,

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