Das Lied der alten Steine
wollen.«
Serena zog die Knie an und legte ihre Arme darum. »Du gibst nicht auf, was, Andy?«
Er zuckte die Achseln. »Ich sage nur, wie es ist. Dein altägyptischer Kram ist ganz faszinierend, Liebste, aber er ist eben alt. Geschichte. Man soll es nicht heutzutage praktizieren.
Dein Isisaltar im Schlafzimmer und all die Räucherstäbchen und so weiter. Es ist verrückt. Gefährlich. Du solltest selber nicht daran glauben und du solltest nicht versuchen, Anna mit reinzuziehen. Sie ist zu sensibel. Dieses Land ist wie ein Lakmuspapier für jeden Menschen mit ein bisschen Fantasie und einer romantischen Seele. Du musst dich zurückhalten.«
»Wie der gute, sichere Andy mit seinen bodenständigen Ansichten und seinem klaren Männerverstand?«, antwortete Anna sanft. »Kommt es Ihnen je in den Sinn, Andy, dass Serena Kontakt zu alten Wahrheiten haben könnte? Dass das, was sie sagt und glaubt, wertvoll sein könnte?«
»Es ist Blödsinn, Liebling.« Er rappelte sich auf. »Aber ich merke schon, dass ich Sie hier nicht bekehren kann, deshalb gehe ich zu den anderen zurück. Ihr habt noch eine Viertelstunde, dann müssen wir zurück zum Schiff.«
Nachdem er weg war, schwiegen sie lange. Serena hatte nachdenklich das Kinn auf die Knie gelegt. »Danke, dass Sie mich verteidigt haben.«
»Warum machen Sie das nicht selbst?« Anna war immer noch verstimmt. »Andy ist ein ganz schön harter Brocken. Er macht immer weiter, wenn Sie sich einschüchtern lassen. Sie sollten den Spieß umdrehen und ihm einen Haufen altägyptischer Flüche entgegenschleudern.« Auf einmal musste sie kichern.
»Offenbar geht es mir schon wieder besser.«
»Gut.« Serena sah lächelnd auf. Sie holte tief Luft. »Der Grund, warum ich ihm keine Flüche entgegenschleudere, wie Sie sagen, ist, dass er mich wirklich tief verletzt. Manchmal macht er mich so wütend mit seinem billigen Spott und Sarkasmus und seinen Einschüchterungsversuchen, dass ich fürchte, ich könnte ausrasten und etwas sagen, das ich mein Leben lang bereuen würde.« Sie machte eine Pause. »Und ich könnte ihm ernstlichen Schaden zufügen, Anna. Das können Sie mir glauben. Ich kenne genug von dem, was Sie Flüche nennen, um das zu tun.«
Erneut entstand langes Schweigen. »All das existiert wirklich, nicht wahr?« Anna rieb sich mit den Händen über das Gesicht.
»Bloß weil die meisten Leute es nicht sehen oder verstehen können heißt das nicht, dass es nicht da ist.« Sie seufzte. »Und man kann es nicht vertreiben, indem man behauptet, es existiere nicht. Nicht endgültig.« Sie sah Serena an. »Ich habe Angst.«
Serena beugte sich zu ihr herüber und nahm ihre Hand. »Ich bin für dich da. Wann immer du mich brauchst.« Sie sah sich um und schüttelte bekümmert den Kopf. »Schau, die anderen kommen zurück. Es ist wohl Zeit zu gehen. Wir reden später weiter.«
Im Bus saß Anna neben Ben. Andy setzte sich ganz nach vorne und bombardierte Omar mit Fragen. Serena, gegenüber von Anna, sagte sehr wenig. Sie schien tief in Gedanken versunken und nach der Ankunft auf dem Schiff verschwand sie sofort in ihrer Kabine. Anna blickte ihr gedankenvoll nach, dann ging sie zu ihrer eigenen Kabine und nahm den Telefonhörer von der Gabel. Nach einigen Sekunden meldete sich Serena.
»Ich wollte noch länger mit dir reden«, sagte Anna schnell.
»Kannst du in meine Kabine kommen? Dann werden wir nicht wieder unterbrochen.«
Serena lachte leise. »Von unserem lieben, ach so aufmerksamen Andy? Okay, meine Liebe. Gib mir zwanzig Minuten, dann bin ich bei dir.«
Anna sah nicht nach, ob das Parfümfläschchen noch da war.
Sie gestattete sich auch keinen Blick über die Schulter oder in den Spiegel. Wenn die Priester wirklich existierten, dann musste sie schnell entscheiden, ob Serena ihr helfen konnte oder ob ihre Einmischung die Lage verschlimmerte. Sie wusste, dass es ein Mittel gab, um die Situation endgültig zu bereinigen: den Fluss.
Und beim nächsten Mal würde sie sichergehen, dass niemand sah, wie sie die Flasche hineinwarf. Sie biss sich plötzlich auf die Lippe. Was, wenn sie sie nun hineinwarf und es die Priester einfach nur zornig machte?
Sie holte tief Luft. Nicht daran denken. Von jetzt an war ihr Bewusstsein dafür verschlossen. Sie musste es nur so belassen, und wenn sie stark genug war und sich sehr anstrengte und sich weigerte, ihrer Fantasie freien Raum zu geben, dann würden die Erscheinungen von selbst aufhören. Von jetzt an würde sich es sich
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