Das Lied der alten Steine
blickte Carstairs sie an. »Was ist los? Schmeckt es Ihnen nicht?«
Sie hob die Schultern. »Es tut mir Leid. Ich habe keinen Hunger mehr.«
Er stellte die Flasche hin, mit der er sich selbst nachgeschenkt hatte, und rückte wieder näher. »Hoffentlich haben Sie nicht zu viel Sonne abbekommen.«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich fühle mich wohl in der Sonne.«
Hatte sie es geträumt? Wenn sie ihn beschuldigte, sich an ihr vergangen zu haben, würde er sie dann eine Lügnerin schimpfen?
Er lächelte wieder und griff nach ihrer Hand. Sie versuchte wegzusehen.
»Louisa?« Seine Stimme klang klar über dem Rauschen des Wassers. »Kämpfe nicht dagegen an. Sieh mich an. Du weißt, dass du es willst.«
Sie holte tief Atem und starrte unentwegt auf die Lichtreflexe im Wasser, um ihm zu widerstehen. »Roger, bitte…«
»Sieh mich an, Louisa. Was soll der Widerstand? Sieh mich an. Jetzt.« Seine Hand fühlte sich eiskalt an. Sie fröstelte. Sie konnte nichts dagegen tun, ihr Gesicht hob sich zu dem seinen.
»So ist es gut.« Seine Augen waren übermächtig. Sie spürte, wie sie wieder von ihnen angesaugt wurde, jeder Gedanke wurde ausgelöscht, ihr Körper wurde zu einer schlaffen, gehorsamen Puppe.
»So ist es gut. Es ist doch so einfach.« Er fuhr sanft mit den Fingern ihren Arm hinauf, nahm dann ihr Kinn und hob ihr Gesicht noch ein wenig mehr.
Diesmal öffneten sich ihre Lippen gehorsam unter den seinen, wenn auch ihr Körper nicht reagierte. Sie war unfähig, sich zu wehren. Sie merkte, dass er den Sonnenschirm wieder verschoben hatte. Dann spürte sie, dass er ihre hochgeschlossene Bluse aufknöpfte, seine Hand hineinführte, die feuchtweiche Spitze ihres Hemdchens beiseite schob und mit seinen eiskalten Fingern nach ihrer Brust suchte. Sie schnappte nach Luft, stieß ihn aber nicht weg.
»Das Parfümfläschchen, Louisa. Du wirst es mir geben. Du wirst es mir zum Geschenk machen, mein Liebling.« Seine Lippen lagen auf ihrem Ohr. Die Worte hallten in ihrem Kopf.
Das Parfümfläschchen. Ein Geschenk. Das Parfümfläschchen.
Ein Geschenk.
Hassans Geschenk!
Ihre Augen öffneten sich weit. »Nein!« Sie stieß ihn heftig von sich. »Nein! Was machen Sie da?«
Sie raffte sich auf und rannte ein paar Schritte auf dem glitschigen Felsen, dann spürte sie, wie sie den Halt verlor. Mit einem Ausruf des Schreckens warf sie einen Arm zurück, um sich zu retten, kam irgendwie wieder hoch und blieb schwankend am Rand der Klippe stehen.
Genau in diesem Moment sah sie die hoch gewachsene Gestalt zwischen sich und Carstairs.
Einen Augenblick schwebte die Gestalt mit ausgestreckten Händen zwischen ihnen, das Gesicht eine Maske rasender Wut, dann verschwand sie.
Carstairs stand wie angewurzelt. Er war so weiß wie der Schaum auf dem Wasser ringsherum und zitterte heftig. Seine Augen glühten, aber sie konnte nicht erkennen, ob aus Furcht oder aus Erregung…
»Ahoi, Louisa! Sie sind bereit, an Bord zu kommen?« Eine Stimme ertönte plötzlich mitten im Rauschen der Stromschnellen, und als sie sich umdrehte, erblickte sie die Dahabiya nur vier Meter entfernt von ihrem Felsen. Rundherum waren plötzlich Dutzende von Männern, die an den Tauen zerrten, mit denen sie das Boot gegen das tosende Wasser heraufzogen. Sir John hob beide Hände und winkte. Im nächsten Moment war einer von der Besatzung bei ihnen auf dem Felsen.
In Sekundenschnelle wurden ihre Habseligkeiten zusammen-gepackt. Nach weiteren zehn Sekunden war das Schiff nah genug, dass sie das Geländer der Leiter ergreifen und sich an Bord hieven konnte. Hinter ihr reichte Carstairs dem Reis das letzte Kissen und kletterte ebenfalls hinauf.
»Na, haben Sie uns gemalt? Lassen Sie sehen.« Sir John streckte die Hand nach ihrem Buch aus. Ohne ein Wort gab sie es ihm.
Carstairs hinter ihr beugte sich vor und fasste sie am Ellbogen.
Seine Finger fühlten sich auf ihrer nackten Haut wie kaltes Gummi an.
Anna blickte unvermittelt auf. Besorgt sah sie auf die Uhr. Es war beinahe eine Stunde vergangen und von Serena keine Spur.
Sie hob den Telefonhörer ab und wählte die Nummer der anderen Kabine.
Charley nahm ab. »Wer ist dran?« Sie klang, als hätte sie geschlafen.
»Charley, hier ist Anna. Ich möchte mit Serena sprechen.«
Charley schwieg, dann lachte sie hohl. »Pech. Sie ist nicht da.«
»Ach so. Wissen Sie zufällig, wann sie hinausgegangen ist?«
»Keine Ahnung.« Die Stimme klang auf einmal sehr gelangweilt. »Ich bin nicht
Weitere Kostenlose Bücher