Das Lied der alten Steine
ihre Aufpasserin.« Dann wurde der Hörer auf die Gabel geknallt.
Anna schürzte die Lippen.
Sie schloss das Tagebuch und legte es in die Schublade zurück. Auf dem Weg zur Tür überraschte sie ein Klopfen.
Serena stand da. Anna erkannte mit einem Blick, dass sie geweint hatte.
»Was ist los? O Serena!« Sie ergriff ihre Hand, zog sie in die Kabine und führte sie zum Bett, damit sie sich hinsetzen konnte.
Einen Augenblick sah sie sie an, dann setzte sie sich neben sie.
»Bitte sag, dass es nicht Andy war. Hat er auf dir herumgehackt wegen mir?«
Serena hob die Schultern, dann nickte sie widerwillig. »Es ist nicht deine Schuld, Anna. Er hat das alles sagen wollen, seit ich ihn kennen gelernt habe.« Sie schniefte und suchte in ihrer Rocktasche nach einem Papiertaschentuch. »Er war einfach so grausam.« Sie starrte vor sich hin, ihr Gesicht war ganz zerknittert und zerfahren. »In diesem Zustand kann ich gar nichts für dich tun, Anna.«
Anna sah sie bestürzt an. Dann stand sie auf, ging zum Toilettentisch und schenkte ein Glas Wasser ein. Sie reichte es Serena und zuckte hilflos die Achseln. »Was hat er gesagt?
Willst du es mir verraten?«
»Ich glaube nicht. Ich denke, du hast genug Fantasie, um es dir auszumalen. Im Großen und Ganzen soll ich meinen Klimakteriumswahnsinn für mich behalten und mich von dir fern halten.«
»Und sonst? Was genau will er denn tun?« Anna spürte Wut in sich aufkeimen.
»Dir will er natürlich nichts tun.« Serena hielt das Glas mit beiden Händen fest umklammert und trank hastig und mit geschlossenen Augen das Wasser aus. »Aber mir wird er das Leben zur Hölle machen. Und dazu ist er imstande, das kannst du mir glauben. Er kommt vorbei. Er ruft an. Er lässt durchblicken, dass ich dabei bin, überzuschnappen. Er droht mir mit Psychiatern und Exorzisten und Gott weiß was! Es lohnt sich einfach nicht, Anna.« Seufzend stellte sie das Glas hin und schüttelte den Kopf. »Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht für dich da sein. Er hat mir jedes bisschen Selbstvertrauen geraubt. In diesem Zustand würden deine Priester Hackfleisch aus mir machen. Mein einziger Trost ist, dass ich wahrscheinlich nicht einmal mehr genug Energie habe, dass es lohnend für sie wäre, mich besessen zu machen.«
Anna schloss die Augen. Die Raumtemperatur schien um mehrere Grade gesunken zu sein. Sie dachte an Louisa und ihre Angst. »Warum glaubst du, sie würden versuchen, dich besessen zu machen?«
»Ich bin eine Eingeweihte. Ich habe wahrscheinlich die Art Energie, die sie brauchen. Wenn ich stark wäre und zentriert, dann könnte ich mich gegen sie wehren. Ich könnte sie auf ihrem eigenen Gebiet bekämpfen und vielleicht würde ich dir nützen.« Serena schüttelte den Kopf. »Aber laut Andy habe ich jetzt nur noch meinen selbstsüchtigen Verfolgungswahn. Ich habe ihn gebeten, es mal von deiner Warte aus zu betrachten.
Sich mal vorzustellen, dass da eine wirkliche Bedrohung existiert. Sich mal zu überlegen, was passieren könnte, wenn diese beiden Priester stärker werden. Es ist niemand da, der sie bekämpfen könnte, außer mir.«
»Ich kann die Flasche immer noch wegwerfen, Serena«, unterbrach Anna.
»Das wird dir nichts nutzen! Du hast selbst gesagt, dass sie dir zum Staudamm gefolgt sind. Sie sind nicht an die Flasche gebunden, Anna. Es sind wirkliche, unabhängige Wesen! Ich weiß nicht warum sie sich nicht früher gezeigt haben. Vielleicht wussten sie dass du sie eines Tages nach Ägypten zurückbringen wirst. Vielleicht konnten sie in London nicht genug von der richtigen Art Energie finden. Aber nun, da sie eine Möglichkeit gefunden haben, genug Kraft zu gewinnen, werden sie nicht der Flasche hinterher in den Fluss springen und mit einem kleinen dampfenden Knall verschwinden!«
Anna musste trotz ihrer Angst unwillkürlich lächeln. Die Beschreibung löste ein so ulkiges Bild in ihrer Vorstellung aus.
»Dann musst du mir helfen, Serena. Du musst. Ich brauche dich.
Ich denke immerzu an Louisa, daran, welche Angst sie hatte.«
Sie stand entschlossen auf. »Ich werde sofort mit Andy sprechen und ihn dazu bringen, dass er dich in Ruhe lässt.«
»Nein, bitte nicht!« Serena hielt ihre Hand fest.
»Versuch nicht, mich aufzuhalten. Ich habe genug von seiner Einmischung, ganz ehrlich. Wir sind uns einig, dass er ein Tyrann ist, und du hast Recht, das hier geht ihn überhaupt nichts an.«
»Du gehst ihn etwas an, Anna. Er will dich, und ehrlich gesagt«, sie zögerte,
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