Das Lied der alten Steine
»ich glaube, noch mehr will er dieses Tagebuch. Im Grunde seines Herzens ist Andy immer zuerst der Händler und erst danach Freund oder Liebhaber. Es klingt schrecklich, aber er hat wahrscheinlich schon einen Käufer und einen Preis im Hinterkopf. Wenn ich Gefahr laufe, zwischen ihn und eine Gelegenheit für schnelles Geld zu geraten, dann kann ich mit dem Leben abschließen!«
Anna starrte sie einen Augenblick schweigend an, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte aus der Kabine.
Andy war nicht schwer zu finden. Er saß an der Bar und sah Ali mit seinem Cocktailshaker zu.
»Ich will mit Ihnen reden. Und zwar sofort!« Anna blieb, die Hände auf die Hüften gestützt, mit blitzenden Augen vor ihm stehen. »Ihre Einmischung geht zu weit. Es reicht jetzt.«
Es war ihr bewusst, dass verschiedene Leute in der Lounge ihr Blicke zuwarfen und dann wieder wegschauten, aber das kümmerte sie nicht.
»So so, Serena ist also auf direktem Wege zu Ihnen gekommen, was?« Er kritzelte seinen Namen auf die Rechnung und nahm das Glas von Ali entgegen. Er prostete ihr spöttisch zu. »Ich wollte Sie nur davor bewahren, in ihre dramatischen Sitzungen geschleppt zu werden. Sie wären mir sehr dankbar gewesen. Aber«, er zuckte die Achseln, »wenn Sie es denn unbedingt wollen, so sei es.« Er nahm einen ausgiebigen Schluck aus seinem Glas.
»Ja, ich will es. Und ich will nie wieder hören, dass Sie sie eingeschüchtert haben. Zum Donnerwetter, hören Sie auf, Ihre Nase da hineinzustecken! Wieso bilden Sie sich eigentlich ein, Sie hätten das Recht, darüber zu bestimmen, was ich mache und mit wem ich befreundet bin? Ich kenne Sie erst seit ein paar Tagen!« Sie reagierte übertrieben, das wusste sie, aber sie sah plötzlich Felix vor sich, wie er ihre Freunde aussuchte und über ihr Leben bestimmte. Damit war jetzt Schluss. Die neue Anna war frei und viel stärker als die alte.
»Sie kennen Serena auch erst, seit ein paar Tagen«, erwiderte Andy. Er schüttelte den Kopf.
»Darum vertraue ich meinem Instinkt«, schoss sie zurück. »Ich mag sie und ich vertraue ihr.«
»Autsch. Muss ich daraus schließen, dass Sie mich weder mögen noch mir vertrauen? Schade. Ich hatte irgendwie genau den gegenteiligen Eindruck gewonnen.«
Sie sah ihm in die Augen. »Ich mag Sie, Andy, und ich bin sicher, dass ich Ihnen vertrauen kann. Aber das heißt nicht, dass ich Ihnen mein ganzes Wissen überantworten muss. Es heißt auch nicht, dass Sie mir meine Freunde aussuchen dürfen.«
Andy hielt ihrem Blick stand. »Darf ich Sie daran erinnern«, sagte er leise, »dass ich Serena seit Jahren kenne. Sie kennen sie erst seit wenigen Tagen. Meine Beziehung zu ihr geht Sie genauso wenig an.«
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen.
Sie trat einen Schritt zurück und nickte kurz. »Touché!
Solange Ihre Beziehung zu ihr meine Beziehung zu ihr nicht stört.« Sie wandte sich unvermittelt ab und stand plötzlich vor Toby, der Charley am Arm hielt.
»Ist das hier ein Privatkrieg?« Toby grinste sie ironisch an.
»Wenn nicht, würden wir gerne mitmachen…«
Er verstummte, als Charley sich losriss und an ihm vorbeisegelte.
»Andy, du Schweinehund!«, lallte sie. Ihr Blick war getrübt und irrte an ihm vorbei durch den Raum und wieder zurück, als bekämen ihre Augen ihn nicht recht zu fassen. Als Anna auswich, stolperte sie vorwärts und streckte die Hände zur Bar vor. »Andy? Ich muss das für die Göttin Sekhmet tun. Sie braucht mich, Andy. Sie will mich haben.« In dem entsetzten Schweigen, das ihren Worten folgte, starrte sie um sich. »Andy, was ist denn los?« Ihre Stimme klang auf einmal ganz jämmerlich. »Andy, was passiert mit mir?«
Anna spürte einen leisen Druck auf der Schulter und drehte sich um. Es war Toby. Er winkte sie beiseite und mit einem hastigen Blick erst auf Charley, dann auf Andy folgte sie ihm.
»Andy, was ist los mit mir?« Sie hörte immer noch die jämmerlich hohe Stimme, als sie an der Tür waren.
»Du bist besoffen.« Andys harte Entgegnung war für alle im Raum hörbar.
»Nein!« Sie brach in Tränen aus. »Nein, das bin ich nicht. Ich habe überhaupt nichts getrunken…« Ihre Stimme wurde schwächer. Sie stand einen Augenblick leicht schwankend da, dann sackte sie vor seinen Füßen zusammen.
»Andy soll sich um sie kümmern.« Toby lotste Anna zur Tür.
»Gehen wir nach draußen.«
»Sie sieht nicht gut aus.«
Sekhmet. Hatte Charley wirklich von Sekhmet geredet? Ihr lief ein Schauer den
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