Das Lied der alten Steine
werde beim Abendessen mein Seidenkleid tragen, wenn Sie es bitte für mich heraussuchen, dann können Sie gehen und Lady Forrester helfen.« Sie richtete sich unvermittelt auf und blickte Jane fest in die Augen. »Bitte sprechen Sie nicht über diesen Vorfall mit den Forresters. Wie Sie ganz richtig gesagt haben, würde es sie nur in unnötige Aufregung versetzen.«
Sie wollte selbst mit Sir John sprechen und das bald. Aber die säuerliche Jane Treece sollte die Nachricht nicht schon vorher verbreiten. Zwar war ihr aufgefallen, dass die Einstellung dieser Frau ihr gegenüber sich etwas gemildert hatte, doch traute sie ihr ohne weiteres zu, die Geschichte auf einseitige und verfälschende Weise darzustellen. Mit einem tiefen Seufzer sah sie zu, wie sich die Tür hinter Jane Treece schloss, dann setzte sie sich auf den Hocker und betrachtete müde ihr Spiegelbild, ihren vollen, runden Busen, der durch das bebänderte Korsett mit seinem tiefen Ausschnitt voll zur Geltung gebracht wurde, ihre schmale Taille und das lange, üppige Haar, das um ihre Schultern hing. Ihr Gesicht hatte trotz Sonnenhut und -schirm
etwas Sonne abbekommen und die ungewohnte Farbe ihrer Wangen ließ ihre dunklen Augen blitzen. Hatte sie sich unwissentlich aufreizend verhalten? Auf jeden Fall nicht mit Absicht. Niemals. Sie tauchte ihre Hände in die Waschschüssel, befeuchtete Gesicht und Hals und ließ dabei achtlos die Haare ins Wasser hängen.
Als sie sich aufrichtete, konnte sie vor lauter Wasser zunächst nichts sehen. Dann schüttelte sie die Tropfen aus den Augen, blickte in den Spiegel und hielt den Atem an. In dem beschlagenen Spiegel sah sie unmittelbar hinter sich eine Gestalt stehen.
Mit einem Schreckensschrei fuhr sie herum, aber es war niemand da. Sie hatte bloß die verschwommenen Umrisse der Signallampen eines Schiffes gesehen, das neben ihnen in die enge Anlegestelle einbog, und diese hatten zusammen mit den überkreuzenden Schatten der Kerzen das Furcht einflößende Bild ergeben. Das Handtuch fest an sich gepresst, sah sie sich um. Von ihr selbst abgesehen war die Kabine leer. Die üppigen Farben der Wandbehänge, die sie schmückten, erglühten warm im Kerzenschein. Angestrengt verlangsamte sie ihren Atemrhythmus und griff nach ihrem Kamm. Es war nur Einbildung. Sonst nichts. Es würde heute Nacht keine Geistererscheinungen mehr geben. Wenn sie angekleidet war, bleiben ihr noch ein paar Minuten, um sich beim Tagebuchschreiben zu sammeln, dann würde sie sich in den Salon begeben und, wenn es sein musste, den Rest des Abends die grausamen, harten Augen von Lord Carstairs ertragen.
Anna stand auf, begab sich ihrerseits zum Toilettentisch und brach sich ein Stück Brot ab. Sie schnitt das Ei in Scheiben, suchte eine Scheibe Käse aus und machte sich ein Sandwich, mit dem sie wieder zum Bett zurückkehrte. Das Horusauge ruhte zwischen ihren Brüsten. Das Gold fühlte sich warm an auf ihrer Haut. Sie hielt einen Augenblick lauschend inne und warf einen Blick auf die Uhr. Es war beinahe elf. Jetzt war Omars für heute Abend angekündigter Vortrag über die neuere Geschichte Ägyptens wohl beendet. Die anderen saßen vermutlich plaudernd und trinkend in der Lounge, bevor sie dann ins Bett gingen.
Sir John saß allein im Salon, als Louisa eintrat. Er stand eilig auf. »Meine Liebe, Sie sehen wunderschön aus!« Er musterte das nachtblaue Seidenkleid und dann, als könnte er sich nicht beherrschen, nahm er ihre Hand und küsste ihre Fingerspitzen.
»Louisa, meine Liebe, ich fürchte, ich muss Ihnen eine enttäuschende Mitteilung machen. Roger musste uns verlassen.
Er bekam Nachricht, dass es ein Problem mit einem Besatzungsmitglied auf seinem Schiff gab, daher musste er dorthin zurückkehren. Er bat mich, ihn bei Ihnen für sein plötzliches Verschwinden zu entschuldigen.«
»Ich glaube nicht, dass sein Verschwinden der Grund für die Entschuldigung war!« sagte Louisa spitz. Sie setzte sich auf den Polstersitz neben ihm. »Kommt Augusta bald?«
Er schüttelte den Kopf. »Leider war die Aufregung des heutigen Tages zu viel für sie. Sie hat sich bereits zurückgezogen. Darum habe ich Abdul gebeten, uns das Abendessen früh zu servieren.« Er griff nach der Weinkaraffe.
»Darf ich Ihnen einschenken, meine Liebe? Wir wollen auf die Überwindung des Katarakts trinken und auf einen glücklichen Abschluss des Unternehmens morgen.«
Sie nahm einen Schluck und stellte das Glas ab. »John, ich fürchte, ich muss Sie bitten, Lord
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