Das Salz im See 1: Ein teuflischer Plan (German Edition)
leicht die Halbschuhe waren, hatte er doch seit mehr als zwei Wochen wuchtige Bergmannsstiefel getragen. Der General hatte ihnen noch je eine Sonnenbrille spendiert und Igor auf dessen besonderen Wunsch ein Baseball-Käppi. Nun stand Igor in der Diele und betrachtete sich mit Sonnenbrille und Käppi im Spiegel. Muhammad Saeed und Sander knufften sich schmunzelnd in die Seite.
„Igor, mit dem Outfit wirst du in Nowokusnezk Mann des Monats!“
Igor schaute überrascht zu ihnen herüber. „Sagt bloß, ihr beobachtet mich schon die ganze Zeit!“
„Na klar!“
„Euch soll der Teufel holen!“ Er trat in den Salon und setzte sich zu ihnen.
„Nun, aufgeregt?“ General Saeed schaute ihn aufmunternd an.
Igor schien zunächst verlegen, um schließlich zu seiner inneren Unruhe zu stehen. „Und ob! Ich möchte wissen, wo sich meine Familie befindet und wie es ihr geht – und natürlich, wie sie damit zurechtkommt, wenn ich plötzlich vor ihnen stehe! Ich kann‘s noch gar nicht fassen, daß es tatsächlich nach Hause geht. Horst, bei dir schaut‘s sicherlich nicht anders aus.“
Sander brauchte ein paar Sekunden, bevor er auf Igors elegante Verlagerung des Gesprächs reagierte. „Ich mache mir Sorgen, nicht anders als du. Große Probleme habe ich damit, ihnen nicht mitteilen zu können, daß ich noch lebe. Wie soll ich Alexandra und den Kindern das jemals erklären, wenn ich selbst nicht nachvollziehen kann, aus welchem Grund ich zum Spielball unterschiedlicher Interessengruppen wurde? Der Oberst sagte gestern, er sei hinter mir her gewesen. Er wollte die Gründe mitteilen, tat es bisher jedoch nicht. Wieso bin ich für einen Ex-Oberst der US-Marines von Interesse? Ich bin Ingenieur und Projektentwickler. Meine Aufgabe ist es, mitten in einer furztrockenen Wüste das größte Braunkohlevorkommen Asiens, möglicherweise der Welt, nutzbar zu machen, dies zum Wohle der Bevölkerung Pakistans. Was zum Teufel schert es die Amerikaner, wenn ich meinen Job mache, zumal sie selbst, allerdings mit lausigen Konzepten, wiederholt versucht haben, sich selbst dort in Stellung zu bringen?“
General Saeed hatte mit wachsender Ungeduld Sanders Ausführungen verfolgt. Als Sander ihn mit fragendem Blick in die Pflicht nahm, ergriff er die Gelegenheit, seinen Beitrag zur Entwirrung dieses irritierenden Geflechts unterschiedlicher Interessen zu leisten. „Horst, in der Regel sehe ich in Denkweise und Selbstorganisation von planenden Ingenieuren und Militärs eine nicht unerhebliche Übereinstimmung. Beide müssen sich auf Fakten beschränken, analytische Begabung aufweisen und sich durch strategische Fähigkeiten auszeichnen. Vor allem aber müssen sie die Wechselwirkungen ihres Tuns im engeren wie weiteren Umfeld stets im Auge behalten. Bei zuletzt genanntem Punkt sehe ich bei dir gravierende Defizite, die Auslöser deiner Probleme sind.“ Saeed griff nach der Teekanne. „Jemand Tee?“ Ohne auf die Antwort zu warten, goß er beiden, dann sich selbst ein. Die Pause hatte er bewußt eingelegt, um Sanders Reaktion abzuwarten. Dieser schien zu seiner Überraschung mit dieser Eröffnung keine Probleme zu haben.
Der General setzte die Kanne ab. „Sicher, du hast mit deutscher Technologie das Wasserproblem gelöst und damit dem Projekt über die alles entscheidende Hürde geholfen. Kohlekraftwerke mit insgesamt 12.500 Megawatt, Energie für mehr als zwanzig Millionen Menschen, sollen in einigen Jahren in der Thar betrieben werden. Das allein wäre es doch schon gewesen! Damit hattest du genug Lobbys bereits auf die Füße getreten, allen voran den Ölimporteuren. Mich würde nicht wundern, wenn die eines nicht zu fernen Tages ein Kopfgeld auf dich aussetzten. Warum wohl bist du mit dem Projekt mehr als zwölf Jahre nicht einen Schritt vorangekommen, obwohl Pakistan mit einem Jahresverbrauch von weniger als 400 Kilowattstunden pro Kopf zu den am schlechtesten versorgten Ländern der Welt gehört und du vor Jahren schon das heute gültige Konzept vorgelegt hattest? Das allein hätte dir zu denken geben müssen, wie weit der Einfluß der Öllobby reicht! Doch das war nicht genug. Kaum wurdest du vom Management der Pakistan Steelworks gebeten, ein Konzept für die dort geplante Kapazitätserweiterung zu erarbeiten, fegtest du die chinesische Variante zusätzlicher Hochofenlinien vom Tisch und schlugst statt dessen Direktreduktion von Eisenerz mit Thar-Synthesegas vor. Bis auf die Chinesen fanden alle dein Konzept großartig, aber
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