Das Salz im See 1: Ein teuflischer Plan (German Edition)
wurde es realisiert? Wieder hattest du etlichen Lobbys auf die Füße getreten, zum Beispiel den Importeuren von Hüttenkoks, von Stahlerzeugnissen, den Lieferanten von Erdgas und natürlich wieder den Ölimporteuren. Noch mehr Feinde! Auch die Chinesen werden dich im Visier haben, denn innerhalb einer Woche senkten sie ihren Preis um 300 Millionen Dollar, um den Kostenvorteil deines Konzepts auszugleichen. Zu deinem Glück kamen auch sie bis heute nicht zum Zuge, demzufolge ist auf chinesischer Seite dieser Verlust noch nicht eingebucht.“
Er beobachtete Sanders Reaktion. Als der Anstalten machte, sich zu Wort zu melden, hob er Einhalt gebietend die Hand. „Moment, Horst! Eine Anmerkung noch. Das Stichwort ‚Synthesegas‘ brachte noch ganz andere Spieler auf den Plan! Wie du selbst vor Regierungsmitgliedern wiederholt vortrugst, liegt in der Thar nutzbare Energie für mindestens 300 Jahre. Das aus dem Lignit gewonnene Synthesegas kann als Basis einer ganzen Palette chemischer oder petrochemischer Erzeugnisse genutzt werden. Jetzt hast du auch noch die Kunstdünger-, Chemikalien- und Treibstoffimporteure im Genick! Letztgenannte hatten schon die PARCO-Raffinerie in Multan 23 Jahre lang verzögert! Was, glaubst du wohl, wird ihre Lobby mit deinem Synthesegasprojekt machen? Um das Maß voll zu machen, kommen auch noch ausländische Interessen ins Spiel, allen voran US-amerikanische. Daß Thar-Synthesegas die von den Amerikanern geplante TAP-Pipeline nicht gerade fördert, dürfte einleuchten. Sie sehen aber auch das labile Gleichgewicht in der Region gestört, wenn dein Szenario dazu führen sollte, das riesige Energievorkommen in der Thar extensiv zu nutzen. Immerhin liegt es keine fünfzig Kilometer von der Grenze zu Indien entfernt!“
Sander sprang auf. „Muhammad! Du weißt selbst, daß die Inder Strom aus der pakistanischen Thar beziehen wollen. Das wäre ein Frieden sichernder Beitrag!“
Der General sah ihn lächelnd an. Es war ein wissendes, überlegenes Lächeln. „Horst, schon wieder spricht der Ingenieur! Das kann sicherlich den Frieden sichern, so lange man sich versteht! Das erste, was bei einem aufkommenden Konflikt gestoppt wird, sind grenzüberschreitende Transferleistungen! Das gilt zu allererst für Strom oder Synthesegas aus der Thar! Dann ist‘s aus mit der Friedenssicherung! Schau auf die Landkarte! Das Vorkommen ist nach Norden, Osten und Süden von Indien umgeben! Glaubst du, die bleiben am Zaun stehen, wenn man ihnen den Strom abschaltet, das Gas abdreht? Was geschieht dann mit den chinesischen Kraftwerken in der Thar, um die sich unsere Regierung – aus welchem Grunde wohl! – so sehr bemüht? Dann stehen sich drei Atommächte Gewehr bei Fuß gegenüber! Das ist das Szenario, das die Amerikaner vor Augen haben, wenn ein deutscher Ingenieur der Welt zeigt, wie man so ein Projekt anfassen muß, um es realisieren zu können! Hast du jemals daran gedacht?“
Sander schüttelte unwillig den Kopf. „Aber das bedeutet doch im Umkehrschluß, daß ihr nie aus den Startlöchern kommt!“
Der General nickte. „Solange gegenläufige Hegemonialinteressen berührt sind und Lobbyisten die landesinterne Wertschöpfung erfolgreich unterminieren, um ihre einträglichen Importe zu sichern, ist das so. Das war bei den einheimischen Phosphatvorkommen so, beim Treibstoff, bei den Kupfervorkommen in Belutschistan – angeblich die größten der Welt! –, nun ist es die Kohle in der Thar, dies immerhin schon seit mehr als fünfzehn Jahren. Du bist da in guter Gesellschaft, noch lange nicht am Ende: Das Raffinerieprojekt in Multan benötigte bis zu seiner Realisierung immerhin 23 Jahre. Da kannst du ja noch acht weitere Jahre strampeln, ohne allerdings zu wissen, ob dein Projekt jemals realisiert wird. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Das sind die – ich nenne es mal so – projektverzögernden, im ungünstigsten Fall projektverhindernden Elemente. Hinzu gesellt sich nun auch noch ein gesundheitsgefährdendes, im ungünstigsten Fall lebensgefährdendes Element! Und genau da bist du schon wieder zielstrebig bei der Sache! Im Grunde genommen verdankst du dein Leben dem bisherigen Erfolg der projektverhindernden Lobbys! Solltest du die eines Tages niedergekämpft haben, das Projekt tatsächlich vor der Realisierung stehen, würde die Lage für dich vermutlich sehr viel bedrohlicher.“ Plötzlich wirkte der General entmutigt. „Aber das wird es jetzt auch so. Horst, begreife endlich! Du
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