Das Salz im See 1: Ein teuflischer Plan (German Edition)
beunruhigte ihn. Was ihn jedoch wahrhaftig nervös machte, war diese Bemerkung: ‚Igor grüßt TM!‘ Hieß nicht der russische Gefangene Igor? Wenn dem so war, hätte William ein veritables Problem! Das Telefon klingelte. Gemessenen Schrittes ging Kustow zurück zu seinem Schreibtisch und hob den Hörer ab. „Bitte?“
„Ihr Gespräch mit Anis Rana, Sir!“
„Stellen Sie durch!“ Er ließ die üblichen Sekunden verstreichen, bevor er das Gespräch einleitete. „Hallo, sind Sie‘s, Anis Rana? ... Ich begrüße Sie. Ich stelle auf Außenlautsprecher, dann kann ich mich frei bewegen. Wissen Sie, was sich in diesem Augenblick in Bidrams Büro tut?“
„Nein, Sir. Sollte ich das?“
„Wenn Sie Chef der Kampftruppe sind und dies bleiben wollen, dann sollten Sie das wissen! Bidram und der Iraner, ich hab‘ den Namen vergessen ...“
„Sie meinen vermutlich Ahmad Taheri.“
„… richtig. Bidram und Taheri sind in ihrem eigenen Büro Geiseln eines Amerikaners. Bassett heißt der Kerl. Sagt Ihnen der Name etwas?“
„Und ob! Er steht bei uns ganz oben auf der Liste. Er hat 14 meiner Männer auf dem Gewissen. Dann war er es vermutlich auch heute in Regi Badizai, das wäre Nr. 15. Er sollte längst seine gerechte Strafe erhalten haben. Wir wissen nicht, was da vorgefallen ist, die Verbindung ist abgerissen. Die Aktionen auf dem Flughafen und in Regi Badizai sind jedenfalls aus dem Ruder gelaufen. Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen, Sir. Der Mann ist so gut wie tot!“
Kustow stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Den Teufel werden Sie tun! Ich will den Mann lebend! Ich muß in Erfahrung bringen, was er tatsächlich weiß, ob er inzwischen Mitwisser hat und ob es Aufzeichnungen seines Wissens gibt! Haben Sie das kapiert?“
„Natürlich! Aber was erwarten Sie von mir? Soll ich ihn auch noch auf den Arm nehmen und hätscheln? Er ist ein verdammter Hund, und wie ein Hund soll er sterben!“
Kustow war in hohem Maße alarmiert. Gelänge es ihm nicht, diesen Heißsporn an die Zügel zu nehmen, wäre die ganze Aktion gefährdet, dies in ihrer sensibelsten Phase! „Sagen Sie, wo haben Sie so gutes Englisch gelernt?“ Seine Stimme hatte ihre Samtigkeit zurückgewonnen.
„Ich habe in den Vereinigten Staaten studiert.“
„Und was, wenn ich fragen darf?“
„Elektrotechnik.“
„Und? Haben Sie einen Abschluß gemacht?"
„Ja, den Master.“
Kustow ließ einige Sekunden verstreichen. „Wieso treiben Sie sich am Khyber-Paß ‘rum, wenn Ihnen in aller Welt die Türen offen stehen?“
„Ich habe eine Rechnung zu begleichen.“
„Können Sie das präzisieren?“
„Können schon, aber ich will es nicht.“
Kustow stutzte. Das hatte innerhalb der Organisation noch keiner gewagt! Eine innere Stimme sagte ihm, es dabei bewenden zu lassen. Wichtiger war es im Augenblick, diesen Querkopf auf seine Linie einzuschwören. „In Ordnung, wir haben alle mal einen schlechten Tag. Aber nun hören Sie mir genau zu, es geht um unsere gemeinsame Sache, unseren Dschihad ...“
Anis Rana unterbrach ihn spröde: „Sorry, Sir, sind Sie Muslim?“
Kustow hatte längst den Standort am Schreibtisch verlassen, pendelte zwischen Tür und Kopfwand seines Büros. Bei dieser rüden Unterbrechung blieb er wie angewurzelt stehen. Seine Wangen zitterten wie die Flanken eines Rennpferdes nach einem Military Parcours. „Nein, ich bin kein Muslim! Dennoch haben wir eine gemeinsame Zielsetzung – in dieser Welt die Ungerechtigkeit der ungleichen Ressourcenverteilung zu beenden! Das können wir nur gemeinsam! Diesem Ziel hat sich alles unterzuordnen! Ich empfehle Ihnen dringend, sich an die Richtlinien der Organisation zu halten. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie sich mit ihren besten Leuten unverzüglich nach Peshawar begeben, Bidram und den Iraner befreien und den Amerikaner gefangen nehmen. TM wird ihn von Ihnen persönlich übernehmen. Haben Sie mich verstanden?“
Es dauerte eine Weile, bis Anis Rana die richtigen Worte fand. „Wir sollen sie aus dem Büro ‘rausholen?"
Kustow wurde zunehmend ungehaltener, zumal er den Sinn dieser Frage nicht erkannte. „Natürlich, wo sonst! Die warten dort auf meinen Anruf!“
„Wann werden Sie dort anrufen?“
„Um 15:00 Uhr PST.“
„Wie lange werden Sie sprechen?“
„Das kann ich noch nicht sagen. Vermutlich nicht länger als fünf Minuten.“
„OK, wir greifen punkt 15:15 Uhr an. Ist der Amerikaner allein?“
„Das wissen wir nicht. Vielleicht erfahre ich es
Weitere Kostenlose Bücher