Das Salz im See 1: Ein teuflischer Plan (German Edition)
vergessen.
17. August, 05:55 Uhr Ortzeit; Flughafen Quetta, militärischer Teil
Der sandfarbene Hummer raste über das Vorfeld und schwenkte mit einem verwegenen Schlenker abrupt auf den Runway ein, an dessen Ende in der Ferne, im Dunst des frühen Morgens kaum erkennbar, eine C-5B Lockheed Galaxy der amerikanischen Streitkräfte stand. Cannon und Sander hielten sich am MG-Gestänge fest, um nicht zum Spielball der Fliehkräfte zu werden. Alles lief bisher wie am Schnürchen, perfekt organisiert. Sie hatten das Flughafengelände über Nacht nicht verlassen, einige Stunden Schlaf in den Unterkünften des amerikanischen Bodenpersonals gefunden. In wenigen Minuten würden sie abheben und erst in Deutschland wieder festen Boden unter den Füßen haben. Sander war aufgeregt, das Herz schlug ihm bis zum Halse. Der Hummer jagte unbeirrt die schnurgerade Piste entlang, als gälte es, ein Flugplatzrennen zu gewinnen. Mit dumpf mahlenden Reifen, bei derartigen Stollenprofilen Zeugnis radikaler Bremsverzögerung, kam der Geländewagen knapp zehn Meter vor der Laderampe der Galaxy zum Stehen. Mit breitem Grinsen trat ihnen aus dem Flugzeug ein baumlanger Farbiger entgegen, minimalistisch uniformiert mit Springerstiefeln, Tarnhose und Nato-oliv-Hemd, über dem silbrig die Erkennungsmarke baumelte. Er war Chief Warrier und stellte sich knapp als Ladeoffizier vor. Er nahm die Reisetaschen der beiden, bedeutete ihnen mit dem Kopf, ihm über die Laderampe in den Transporter zu folgen.
Sander war von der Größe der Galaxy beeindruckt. Sie durchschritten den Frachtraum in voller Länge, drängten sich an etlichen Containern und Paletten vorbei, stiegen über zusammengerollte Netze hinweg und erkletterten das Oberdeck, in dessen vorderem Bereich zwei Sitzreihen installiert waren. „Sie können sich hinsetzen, wo Sie wollen. Sie sind die einzigen Passagiere. Sauerstoffmasken über Ihnen, Schwimmwesten unter den Sitzen, alles wie bei American Airlines. Benutzen Sie die Ohrstöpsel in den Sitztaschen! Wir haben nur wenig geräuschdämmende Fracht. Es wird während des Fluges laut an Bord.“ Der Schwarze verschwand mit einem Augenzwinkern im Cockpit.
Cannon und Sander wählten hintereinanderliegende Sitze, um während des Fluges schlafen zu können. Cannon bemerkte Sanders Aufregung. „Keine Sorge, in zehn Stunden bist du zu Hause!“ Sander wollte etwas erwidern, als der Chief Warrier aus dem Cockpit stürmte, ihnen kurz zuwinkte und mit einem dröhnenden „Anschnallen! Es geht los!“ die anlaufenden Turbinen übertönte. Er hastete nach hinten und betätigte die Hydraulik der Ladeluke. Wie von Geisterhand bewegt, schloß sich diese gemächlich, scheinbar lautlos, denn der Lärm der hochfahrenden Triebwerke bereitete jedem konkurrierenden Geräusch den Garaus. Ein Ruck ging durch die Maschine, schon rollte sie an und nahm den schier endlos scheinenden Runway bis zur Startposition unter die Räder. Ein letzter Stillstand, ein letzter Check, dann wurden die Turbinen hochgefahren. Der Koloß erzitterte, bis endlich die Bremsen gelöst wurden und, schwerfällig zunächst, die rasende Fahrt beginnen konnte. Schneller, als Sander dies erwartet hatte, erreichte die schwere Maschine ihre Abfluggeschwindigkeit. In steilem Winkel ließ sie den Flughafen rasch unter sich kleiner werden, um schließlich Richtung Nordwesten in den Horizontalflug überzugehen. Sander wurde sich erst jetzt bewußt, daß in diesem Augenblick seine Flucht ein glückliches Ende gefunden hatte. Tränen des Glücks schossen ihm in die Augen. Verstohlen schaute er sich nach Cannon um, sich zu vergewissern, daß dieser nichts bemerkt hatte. Der Amerikaner schaute zum Fenster hinaus.
Unterhalb des Towers stoppte ein Pick-up der Flughafenverwaltung. Der Fahrer nestelte ein Handy aus der Brusttasche und gab in rascher Folge eine Nummer ein. Das Telefon am Ohr wartete er eine Weile. „Ich bin‘s, Ahmed. Er ist gerade abgeflogen. Flugziel ist Ramstein, das liegt in Deutschland. ... Ganz sicher! Es war der Deutsche.“ Er griff in die Innentasche seiner Montur und holte Kopien der Seiten zweier Reisepässe heraus, die jeweils das Paßbild aufwiesen. Er schaute sich nochmals die Gesichter der Paßinhaber an. „Ich bin mir absolut sicher, er war es. Horst Sander ... Nein, den Russen habe ich nicht gesehen. Es war ein Typ dabei, aber nicht der Russe, wesentlich jünger, sah eher aus wie ein Yankee ... Mann, ich hatte alle Zeit der Welt, die Typen mit den
Weitere Kostenlose Bücher